GERSTHOFEN - Auch um den kleinen Ort in der Nähe voh öÄügsburg hat der Nationalsozialismus keinen Bogen geschlagen, und manches aus dieser Zeit wäre noch aufzuarbeiten. Dies meinten jedenfalls die 21 Kollegialen des Paul Klee Gymnasiums, die zusammen mit ihrem Geschichtslehrer eine Dokumentation über die Nazizeit in ihrer Heimatstadt fertigstellen wollten "Gersthofen im Nationalismus zwischen Anpassung, Resistenz und Widerstand" war der Titel einer Ausstellung, die, umrahmt von Zeugnissen aus dem Widerstand der Weißen Rose, einige Wochen lang im Paul KleeGymnasium zu sehen war.

Leider jedoch fehlten wichtige Dokumente in dieser Ausstellung, und damit beginnt das Skandalon, das sich die Gersthofener Stadtspitze, besonders aber Bürgermeister Siegfried Deffner in dieser Angelegenheit leisteten. Während die Schüler im allgemeinen auf bereitwillige Kooperation für ihr Forschungsprojekt stießen und ihnen viele Bürger nicht nur geduldig Rede und Antwort standen, sondern ihnen auch private Briefe aus jener Zeit anvertrauten, schaltete das Stadtoberhaupt auf stur, es verwehrte der Gruppe den Zugang zum Stadtarchiv. Er habe Bedenken, so ließ sich Siegfried Deffner vernehmen, "solches Material in die Hände von Schülern zu geben". Schließlich sei nicht gewährleistet, daß der Grundkurs Geschichte verantwortlichen Umgang mit der heiklen Ware pflegen würde. Lediglich für wissenschaftlich ausgewiesene Forscher würde er die städtischen Tresore öffnen, und das auch nur, sofern sie einen staatlichen Auftrag iiätten., V Besonders heftig wurde "das Gezerre um das eingebunkerte Herrschaftswisseh im Falle eines Tagebuchs, das einer von Deffners Vorgängern, Bürgermeister Georg Josef Wendler, hinterlassen hat. Von seinen Aufzeichnungen erhofften sich die Schüler besondere Aufschlüsse über die NSZeit. Doch die Notizen des ehemaligen Bürgermeisters werden, wie die Augsburger Allgemeine berichtete, "unter strengstem Verschluß" gehalten; die exklusive Möglichkeit einer Einsichtnahme habe allein, so lautet Wendlers letzter Wille, der jeweils amtierende Erste Bürgermeister. Pikante Pointe: Während sich Siegfried Deffner auf diese Verfügung beruft, wäre die Tochter des Verstorbenen durchaus bereit gewesen, das Journal einer wissenschaftlichen Auswertung zugänglich zu machen und der Schülergruppe ihren Wunsch zu erfüllen. Bürgermeister Deffner blieb unbeeindruckt und erklärte: "Ich habe hier die Persönlichkeitsrechte Verstorbener wahrzunehmen, und dabei bleibts!" Dietmar Bruckner