Von Jörg Blech

Mit angewinkelten Schwingen und vorgestreckten Fängen platscht der Vogel aufs Wasser, taucht kurz unter, bohrt seine Krallen in die Beute. Dann erhebt sich der Fischadler, keine fünfzig Meter von uns entfernt, mit der Last eines Karpfens wieder in die Lüfte. „Was man hier noch alles sehen kann, ist für einen Wessi unglaublich“, schwärmt Markus Dietz. Der hessische Biologe arbeitet erst seit fünf Wochen in der sächsischen „Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft“ und muß sich noch ein wenig an den hiesigen Artenreichtum gewöhnen.

Der wasserreiche Landstrich zwischen Bautzen und Polen wird am 19. Juni als Sachsens erstes „Biosphärenreservat“ eingeweiht. Wer hier unterwegs ist, kriegt Vögel zu sehen, die viele nur noch aus Büchern und dem Zoo kennen. In den Schilfgürteln der vielen Teiche etwa jagen mehr Rohrweihen als in allen alten Ländern zusammen. Auch das Trompeten der Kraniche ist zu hören, mit ein wenig Glück kann man die scheuen Tiere im Flug sehen. Und in fast jedem Dorf klappern Weißstörche; 32 Brutpaare wurden im vergangenen Jahr gezählt, Tendenz steigend.

Die Menschen waren es, die Seeadler, Schellenten und Teichrohrsänger in die Oberlausitz gelockt haben. Denn seit rund 500 Jahren züchten sie hier vor allem Spiegelkarpfen, aber auch Zander, Schleie und Hechte. Dazu schufen die Fischer mehr als 300 Teiche, die von Flüssen wie Spree und Schöps gespeist werden. Teilweise ziehen sich die Gewässer kilometerweit, alle von Schilf und Rohrkolben umgeben. Wasser macht acht Prozent des 26 000 Hektar großen Schutzgebietes aus – ein Eldorado für Wasservögel. Aber auch Elche aus dem nahen Polen streifen schon mal durch die Feuchtwiesen und Kiefernwälder. Und Fischotter tummeln sich zuhauf in den Teichen. „Es ist die größte Population Deutschlands“, sagt der Leiter des Biosphärenreservats, Peter Heyne. Die scheuen Wassermarder seien jedoch schwer zu zählen. So bedient sich der 33jährige Biologe einer traurigen Arithmetik: „Im vergangenen Jahr haben wir auf den Straßen 32 totgefahrene Otter gefunden. Also schätzen wir, daß der Bestand bei mindestens 200 Tieren liegt.“

Slawische Siedler sollen im 7. Jahrhundert die ersten Binnenfischer in der Oberlausitz gewesen sein; im Mittelalter waren es vermutlich Mönche, die dann Wassergräben zogen und Karpfenteiche aushoben. Zu DDR-Zeiten setzten rund hundert „Ingenieure und Facharbeiter für Binnenfischerei“ in volkseigenen Betrieben die Tradition fort. Nach der Wende ging es weiter: Viele Fischer haben sich zu einer GmbH zusammengeschlossen, andere sich selbständig gemacht. Ein paar Teiche haben sie gekauft, die meisten vom Freistaat Sachsen gepachtet. Die Speisefische liefern sie an Großhändler im ganzen Bundesgebiet. Daß auch heute noch mancher Weihnachtskarpfen aus der Oberlausitz stammt, sei für das Biosphärenreservat ein Segen, sagt Peter Heyne. „Denn die Fischer pflegen ihre Teiche und erhalten somit der hiesigen Kulturlandschaft ihren einzigartigen Charakter.“

Die Teichwirtschaft folgt dem Rhythmus der Jahreszeiten: Im Herbst lassen die Fischer die meisten Teiche trockenfallen, die Karpfen sammeln sich in der Fischgrube und werden herausgekeschert. Die dreijährigen Tiere gehen in den Verkauf, die jüngeren werden in Winterteiche verfrachtet, die tief genug sind, daß sie nicht bis auf den Grund einfrieren. Im Frühjahr werden die meist nur einen halben Meter tiefen Sommerteiche wieder voll Wasser gelassen oder „bespannt“, wie die Fischer es nennen. Dann, bei der Frühjahrsabfischung, werden die Winterteiche abgelassen, und die Karpfen, säuberlich nach Alter getrennt, schließlich zur Mast wieder in die Sommerteiche gesetzt.

Erst im März 1990 wurde die vielfältige Kulturlandschaft mit ihren Binnendünen, Kiefernwäldern, Flußauen und Heideflächen unter Schutz gestellt und im Laufe der Jahre eine Reservatsverwaltung aufgebaut. Ihren Sitz hat sie in der Alten Försterei, einem schmucken Fachwerkhaus in dem Dorf Mücka. Hier hat Peter Heyne heute rund zwanzig Mitarbeiter, einen Jahresetat von etwa 800 000 Mark, viele Ideen – und einige Sorgen. So sitzt die Hälfte der Mitarbeiter, unter ihnen Forst- und Landwirte, Lehrer und Biologen, auf ABM-Stellen, die in wenigen Monaten auslaufen. Heyne hofft, daß einige von einem Förderverein übernommen werden, der sich stark für den Erhalt der Landschaft einsetzt. Änderungen, die das Biospärenreservat mit sich bringt, stoßen allerdings nicht bei allen Oberlausitzern – 10 000 Menschen leben in dem Naturschutzgebiet – auf Gegenliebe. Drei Beispiele: