Werner Nass, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats der Krupp Hoesch Stahl AG, nimmt kein Blatt vor den Mund. Laut und deutlich sprach er vom Vertragsbruch. Der Grund: Krupp-Chef Gerhard Cramme sperrt sich dagegen, einen von der IG Metall vorgeschlagenen Kandidaten als Arbeitsdirektor im Krupp-Vorstand zu akzeptieren.

Der Betriebsratschef kann sich auf ein Papier berufen, das bei der Fusion von Hoesch und Krupp zwischen den Arbeitnehmervertretern und der Konzernleitung ausgehandelt worden war. Darin heißt es, der Arbeitsdirektor dürfe nicht gegen die Mehrheit der Stimmen der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat bestellt werden.

Was Nass nicht wußte: Zu den Vereinbarungen gab es eine Nebenabrede. Am 24. Februar 1992, als die sogenannten „Eckpunkte“ ausgehandelt waren, schrieb der Krupp-Chef einen Brief an Dieter Schulte, der damals als Vorstandsmitglied der IG Metall mit Sitz in Düsseldorf für die mitbestimmten Stahlunternehmen zuständig war. In diesem Brief, der von Schulte, dem damaligen DGB-Vorsitzenden Heinz-Werner Meyer sowie dem IG-Metall-Vorstandsmitglied Siegfried Bleicher paraphiert wurde, ist festgehalten, daß das ganz normale Mitbestimmungsgesetz von 1976 gilt, wenn es in personellen Fragen nicht zu einer Einigung kommt.

Nass fiel aus allen Wolken. Demonstrierende Stahlarbeiter forderten in Dortmund sogar, Schulte solle bei dieser Sachlage seine Kandidatur für den DGB-Vorsitz zurückziehen. Und was Nass vollends in Rage brachte: Schulte behauptete, die Betriebsräte hätten von dieser Nebenabrede gewußt. In einem Interview mit der in Dortmund erscheinenden Westfälischen Rundschau gab der neue DGB-Vorsitzende inzwischen zwar zu, den Betriebsräten den Brief nicht gezeigt zu haben, dennoch blieb er dabei, dessen Inhalt erklärt zu haben.

Das wird allerdings von Nass ganz energisch bestritten. Und die Tatsache, daß auch der amtierende Krupp-Arbeitsdirektor, Alfred Heese, erst in diesem Jahr von der Existenz des side letter genannten Papiers erfahren hat, spricht mehr für die Version von Nass als für die von Schulte.

Heese, der zuvor Arbeitsdirektor bei Hoesch war und Ende 1992 in den Ruhestand treten wollte, ist damals von der IG Metall, der nordrhein-westfälischen Landesregierung und den Belegschaftsvertretern massiv gedrängt worden, in den Vorstand von Krupp einzutreten. Er sollte so in dem nicht der Montanmitbestimmung unterliegenden Unternehmen die Position eines vom Vertrauen der Gewerkschaft und der Arbeitnehmer getragenen Vorstandsmitglieds sichern. Alle seien damals, so Nass, davon ausgegangen, daß das keine „Lex Hesse“, sondern eine Dauerregelung sein solle.

Weil Heese am 2. Juli 65 Jahre alt wird und dann in Rente geht, kommt es nun zum Ernstfall. Denn Krupp wehrt sich gegen einen Nachfolger, den die IG Metall vorgeschlagen hat. Vielmehr soll der Aufsichtsrat diesen Sonntag Krupp-Vorstandsmitglied Jürgen Rossberg zum Arbeitsdirektor bestellen. Rossberg, ein Vertrauter des Ehrenvorsitzenden Berthold Beitz, hat diese Funktion bekleidet, ehe es zur Fusion mit Hoesch kam.