Von Robert Leicht

Stimmungen sind nicht gleich Stimmen. So heißt es warnend vor jeder Wahl. Doch am Tag danach zählen offenbar wiederum die Stimmungen. Das objektive Wahlergebnis ist das eine – die Interpretationen, die Erwartungen und die Illusionen sind das andere. Wunsch und Wirklichkeit, Absicht und Analyse verwirren sich in einem heillosen Durcheinander.

Jubel und Jammer: Nach dem Wahlsonntag gab es nur ein simples Bild vom großen Gewinner und traurigen Verlierer – Helmut Kohl obenauf, Rudolf Scharping am Boden zerstört. Doch das Wort vom Debakel, vom Desaster der SPD gehört zu den wilden Mythen, die nur blühen können, weil zuvor der Mythos einer zu großen Siegen befähigten Sozialdemokratie erzeugt worden war. Weder hatte Scharping den Sieg bei der bevorstehenden Bundestagswahl bereits in der Tasche, als er Anfang des Jahres in seinem ersten Stimmungshoch schwebte, noch kann Kohl sich jetzt schon auf seinen Lorbeeren ausruhen, als hätte er den 16. Oktober nicht mehr vor sich. Im Grunde gilt für beide: Angezählt ist längst nicht ausgezählt.

Nach wie vor bleibt im Bereich des Wahrscheinlichen, was schon zu vermuten war, als die beiden Konkurrenten Kohl und Scharping im August 1993 zum ersten Mal unter vier Augen Maß aneinander nahmen: Keiner von beiden kann eine Regierung gegen den anderen bilden, also bleibt ihnen am Ende nur das, was sie mit Händen und Füßen von sich weisen – eine große Koalition. Allenfalls daß die Margen sich aus heutiger Sicht noch knapper ausnehmen als vor einem Jahr.

Am vorigen Sonntag hat sich die Stimmung folglich energischer verändert als die Lage. Vergleicht man, was sich allein vergleichen läßt, – nämlich ausschließlich die Ergebnisse der Europawahlen von 1989 und 1994 in den alten Bundesländern ohne Berlin: Schon sehen die Verschiebungen zwischen den Lagern weniger dramatisch aus. Dann gewannen die Union und FDP saldiert nur 2,1 Prozentpunkte hinzu gegenüber der SPD und den Grünen; und Rot-Grün läge immer noch 0,3 Prozent vor den Bonner Koalitionsparteien. Berücksichtigt man überdies die niedrige Wahlbeteiligung, von der extremistische, ideologisch geschlossene und alternative Parteien in der Regel profitieren, verstärkt sich das Bild einer relativen Stabilität um die Mitte.

Betrachtet man hingegen die jüngsten Europawahlen allein in den neuen Bundesländern und Berlin, so zeigt sich: Berlin ausgenommen schnitt die CDU zwar überall immer noch besser ab als die SPD, doch ausnahmslos – zum Teil drastisch – schlechter als bei den vorigen Wahlen zum Bundestag, im Land und in den Kommunen. Auf der Basis dieses Vergleichs kam die SPD in drei Ländern – trotz der massiven Gewinne der PDS – durchwegs besser davon als früher, in zwei anderen Ländern mal besser, mal schlechter; nur in Berlin liegt sie durchgängig etwas unter den Vergleichswerten. Ein ähnliches Bild beim Vergleich der vier Kommunalwahlen 1990 und 1994 im Osten: Die SPD blieb im Schnitt zweitstärkste Partei, gewann aber überall hinzu, zwischen fünf und acht Prozentpunkte; die CDU verlor durchgängig bis zu fünf Prozentpunkte.

Der Schock vom Sonntag – er war also vor allem ein Phänomen des falschen Scheins: der verfehlten Vergleiche, des Pseudocrashs zwischen zu früh diskontierten demoskopischen Werten und den langwellig sich verändernden Realitäten.