Muß man nur tüchtig mit Steinen aus dem Glashaus werfen, um über die Scherben ans Ziel zu kommen? Silvio Berlusconi ist dies gelungen. Nachdem Italiens Regierungschef und Medienzar dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen mangelnde Regierungstreue vorgeworfen hatte, konnte er vorigen Sonntag, auf allen staatlichen wie privaten Wellen reitend, seinen Triumph verkünden. Die Europawahl, zum nationalen Test, ja fast zur Volksabstimmung über den neuen „Führer“ umfunktioniert, hat Berlusconi einen ungeahnten Erfolg beschert; in nur zweieinhalb Monaten seit den Parlamentswahlen hat sich der Stimmenanteil seiner Forza-Italia-Bewegung um die Hälfte – auf 30,6 Prozent – vergrößert.

Begonnen hatte der so nützliche Skandal damit, daß Berlusconis neuer Medienaufpasser Marco Taradash mit einem Aktenbündel zum Staatsanwalt eilte, um die Radio Televisione Italiana (RAI) zu beschuldigen, daß sie „das Land systematisch desinformiere“; und dies auch noch, hoch verschuldet, auf Staatskosten und zugunsten der Parteien des „alten Regimes“. Taradash, einst bei der linken Radikalen Partei, erhielt Schützenhilfe von seinem früheren, ebenso nach rechts übergelaufenen Parteichef Marco Panella. Überschäumend wie immer, forderte dieser auch gleich noch den Rücktritt der Chefredakteure aller großen Tageszeitungen, denn „so kann es nicht weitergehen“. Berlusconi aber, der sich gerade mit Panella auf ein „amerikanisches System“ (Bundesstaat mit Präsidialregierung) geeinigt haben soll, begründete im Ton eines Oberrichters sein Urteil über die RAI: „Es gibt keinen einzigen demokratischen Staat, in dem der öffentliche Radio- und Fernsehdienst gegen die Mehrheit vorgeht, die sich in der Regierung des Landes ausdrückt.“

Kein Wort darüber, daß Berlusconi auch jetzt als Regierungschef noch immer über drei Fernsehsender mit 26,9 Prozent aller Werbeeinnahmen verfügt (gegenüber 15,8 der RAI). Er wisse nicht, wie er sie loswerden könne, obschon er jetzt „Lichtjahre“ von seinen Firmen entfernt sei, sagte er. Was ihn nicht hinderte, im Wahlkampf als (scheinbarer) Kandidat für einen Sitz im Europaparlament sowohl in den eigenen Kanälen nach Belieben aufzutreten wie auch in den Studios der bösen RAI.

Clever, wie er ist, konnte Berlusconi die Gelegenheit nutzen, um die empörten RAI-Journalisten zu besänftigen: „Auch im Vorzimmer meines Gehirns habe ich nie eine regierungsfreundliche RAI verlangt!“ Zumal er es sogar mit Freunden schwer hat. Umberto Bossi, dessen lombardische Lega von 8,3 auf 6,6 Prozent abrutschte, liebäugelte mit Auszug aus der Rechtskoalition. „Man muß Berlusconi sofort das Fernsehen wegnehmen“, sagt er. Und der „Post-Faschist“ Fini, der nur 0,9 Prozent von vormals zwölfeinhalb verlor, ist eher hinderlich, wenn Berlusconi in Bonn gut ankommen, in Straßburg gut unterkommen will. Möglichst in der Fraktion der Christdemokraten. Denn „katholische Werte sind fundamental für unser Programm“, so predigt er – im Fernsehen.

Hansjakob Stehle