Seit zwei Jahren ist die Rezession in Großbritannien vorüber - nach offizieller Darstellung. Mittlerweile bewegt das Land sich tatsächlich aus dem Konjunkturtal mit einem Tempo, das Ängste weckt. Die Fahrt könne so schnell werden, so die Befürchtung, daß sie durch höhere Zinsen gebremst werden muß, um die Inflation im Zaum zu halten.

Und während John Majors Regierung sich rühmt, dank ihrer konservativen Politik sei Großbritannien "die am schnellsten wachsende Wirtschaft in Europa", wird immer deutlicher, daß der Aufschwung an großen Teilen der Bevölkerung vorbeigeht. Die Briten ließen sich denn auch nicht von dem amtlichen Optimismus anstecken, als sie an die Urnen zur Wahl des Europäischen Parlaments gingen und zugleich auch noch in fünf Nachwahlen zum britischen Unterhaus abstimmten. Die Stimmung im Lande, so zeigte sich eindeutig, ist entschieden gegen die Konservativen gerichtet, die seit über fünfzehn Jahren an der Macht sind und bisher vergeblich darauf warten, daß die Wähler ihnen den wirtschaftlichen Erfolg (erwartetes Wachstum in diesem Jahr: drei Prozent) gutschreiben.

Die Früchte des Erfolgs sind auffallend ungleich verteilt. John Major wurde kürzlich auf die zunehmende Zahl der Bettler angesprochen, und er reagierte ungehalten. Betteln errege Ärgernis und sei unnötig. Für Leute in Not gebe es ein Netz sozialer Sicherheit - auch für Bettler, damit dieser "Schandfleck" von den Straßen verschwinde. Die Bettlerepisode hat eine lebhafte Diskussion entfacht. Manche Briten fragen sich, ob die Volkswirtschaft wirklich wieder in einem so guten Zustand sein kann, wenn "Opernfreunde auf ihrem Weg zum Royal Opera House über Bettler und Obdachlose" stolpern, wie der für das Wohnungswesen zuständige Minister schon vor einiger Zeit bemerkte. Andere stoßen sich an Majors barschem Ton. Der aus sehr bescheidenen Verhältnissen stammende Premierminister sprach früher viel von sozialer Gerechtigkeit, die mit sich selbst im reinen ist. Deshalb wurde Major gern als ein Mann bezeichnet, der den Thatcherismus mit einem sozialen Herzen und einem menschlichen Gesicht versehen will. Die Bettlerbemerkung hat viele veranlaßt, ihr Bild des Premiers zu überdenken.

Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in den Jahren der konservativen Herrschaft krasser geworden. Dies belegt eine Untersuchung des politisch neutralen Institute for Fiscal Studies. Danach hatten 1961 rund 5 3 Millionen Personen ein Einkommen, das weniger als die Hälfte des nationalen Durchschnittseinkommens betrug. 1977, also kurz vor dem konservativen Machtantritt, war die Zahl auf 3 3 Millionen gefallen; 1991 betrug sie 11 4 Millionen. Anders ausgedrückt: 1961 befanden sich zehn Prozent der Bevölkerung in dieser unteren Kategorie, 1991 aber zwanzig Prozent. Ein anderer Vergleich: Der Anteil der ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung am Gesamteinkommen sank in den vergangenen drei Jahrzehnten von etwas über vier auf drei Prozent, während die reichsten zehn Prozent ihr Stück des Kuchens von 22 auf 25 Prozent vergrößerten. Das Realeinkommen des ärmsten Zehntels der Bevölkerung ist nach Abzug der stark gestiegenen Kosten für Wohnungen gemäß dieser Studie nur gering gestiegen, in den achtziger Jahren sogar gefallen, während sich das des reichsten Zehntels nahezu verdoppelt hat. So ist eine Unterklasse entstanden, die keine Arbeit findet oder Arbeit nicht zu Löhnen aufnehmen will, die im Vergleich zum Arbeitslosengeld oder zu den Sätzen der Sozialhilfe kaum einen Anreiz geben. Zudem verschärfen sich andere soziale Probleme: Der Familienzusammenhang löst sich auf, Verbrechen und Drogenkonsum gedeihen, nicht nur in der sogenannten Unterklasse.

Die Umverteilung von unten nach oben ist einhergegangen mit einer "Amerikanisierung" des Arbeitsmarktes. Der Abbau der Gewerkschaftsmacht zum Beispiel vollzog sich in atemberaubendem Tempo. Noch unter der letzten Labour Regierung nannten die Briten in einer Umfrage nach dem mächtigsten Mann im Staat nicht den Namen des Premierministers, sondern den des Gewerkschaftsführers Jack Jones. Zwei Rezessionsphasen und eine Serie von Gesetzen der Konservativen haben die gewerkschaftliche Macht zertrümmert. Die Schrumpfung gerade solcher Industrien wie Kohle und Stahl mit einst besonders hoher gewerkschaftlicher Repräsentanz hat zu einem drastischen Mitgliederschwund geführt. Vertreter der Regierung preisen heute Großbritannien als eine "streikfreie Zone" und werben mit den völlig veränderten Arbeitsbeziehungen um Industrieansiedlungen ausländischer Unternehmer.

Die Gewerkschaften sind nur noch ein Schatten ihrer selbst, ihre Funktionäre einem größeren Publikum fast unbekannt. Deren Ansichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik nimmt kaum noch jemand zur Kenntnis. Zugang zu den Zentren der politischen Macht ist ihnen versperrt. Selbst die Labour Party, die den größten Teil ihres Geldes von den Gewerkschaften bekommt und organisatorisch auf deren Hilfe angewiesen ist, legt Wert auf größere Distanz, weil viele Wähler einer Partei nicht mehr trauen, die "in der Tasche der Gewerkschaften steckt".

Der Sieg über die Gewerkschaften war eine Voraussetzung für die tiefgreifende Veränderung am Arbeitsmarkt, der nach der Vorstellung der Regierung wie ein normaler Warenmarkt wettbewerblich organisiert werden soll. Für ein Lohnkartell, für kollektive Verträge über Arbeitszeiten, Kündigungsschutz und sonstige Rahmenbedingungen ist da kein Platz. Staatlich sanktionierte Mindestlöhne gibt es in Großbritannien ohnehin nicht mehr. Im vergangenen Jahr wurden die letzten wage councils abgeschafft, welche diese Untergrenze noch für einige Gewerbezweige festlegten. Mindestlöhne hindern nach Auffassung der Regierung die Beschäftigung, weil der Preis der Arbeit nicht weit genug fallen kann, damit sich Nachfrage einstellt. Darin werden die Konservativen von der Organisation der Industriestaaten (OECD) in deren jüngstem Bericht unterstützt.