HAMBURG. – Es ist Juni. Beginn der Hamburger Regenzeit, die sich zuverlässig über die Sommermonate und bis an alle Grenzen des Landes hinziehen kann. Im Alsterpark in einem weißen Gartensessel sitzen, sich zurücklehnen, in den blauen Himmel blinzeln, mit der rechten Hand Schwäne und Enten füttern, in der linken das aufgeschlagene Buch halten. Das war einmal. Daran ist aber nicht das Wetter, sondern „jugendlicher Vandalismus“ schuld, meldete die Hamburger Tagespresse. 45 Gartensessel sind in den vergangenen zwei Monaten nachts zerstört worden. Um weiteren Schaden zu verhüten, wurden die anderen weggeschlossen. 110 Alsterstühle, aus weißlackiertem Holz elegant wie stabil gebaut, die sogenannten Strahlensessel, „sind nun wech“, wie es ein Hamburger Spaziergänger betroffen unter einem Regenschirm ausdrückte.

Pünktlich zum Saisonbeginn Ende März – als die Sonne noch schien – wurde das weiße Mobiliar von den Mitarbeitern des Gartenbauamtes auf die Wiesen gestellt. Wie in jedem Jahr. Hamburgs ganzer Stolz. Diese Stühle. Wiewohl nicht die Stühle an sich. Vielmehr der Eindruck, den sie im Park machten: englisch irgendwie. Und englisch zu sein war schon immer Hamburgs Bestes.

Aber nun. Jedes Wochenende war Party im Park. Nachts. Und am Tag danach verkohlte, zerschlagene, in die Alster geworfene Strahlensessel. Auf dem Rasen schwarze Feuerstellen, leere Bierdosen, zerknüllte Zigarettenschachteln, Filterkippen. Als fast die Hälfte der Alsterstühle vernichtet war, sah man sich in der zuständigen Gartenbauabteilung das nicht mehr länger mit an. Die noch vorhandenen Parksessel wurden abtransportiert, gelagert und ein Riegel davorgeschoben. Jetzt kann ihnen nichts mehr passieren. Allerdings kann sich auch keiner auf sie setzen.

Hamburg gebe kein Geld aus, um Vandalismus zu finanzieren, hieß es und dazu im Ton des bittersüßen Charmes der Bürokratie: „Bedanken Sie sich bei den jugendlichen Chaoten.“ Würden die denn, vorausgesetzt, man besuchte sie nachts im Park, begreifen, daß sie sich die Strahlensessel unter ihrem eigenen Hintern wegbrennen, daß sie jede laue Sommernacht in den Park und in den Gartensessel zurückkehren könnten, hätten sie ihn nicht zuvor zerstört? Oder soll man sie alle nach Neuengamme schicken und neue Stühle bauen lassen? Denn da kommen die Strahlensessel her. Aus der Justizvollzugsanstalt Neuengamme. Zwischen 750 und 1000 Mark kostet einer. In dieser Art Werkstätten sind es wohl eher die Material- als die Lohnkosten, die ins Geld gehen.

Woher kommt die Lust am Vandalismus? Bei solchen Fragen werden Therapeutinnen und Sozialarbeiter zu Rate gezogen. Wir haben im Konversationslexikon nachgeschlagen. Meyer sagt in seinem, Vandalismus sei „die rohe Zerstörung von Kunstwerken, weil die Vandalen unter Geiserich zu Rom in dieser Weise gehaust haben“. Wer war Geiserich? Auch das weiß Meyer. „Ein germanischer Führer, der 429 mit 50 000 streitbaren Männern nach Afrika ging.“ Unterstützt von den unterdrückten Eingeborenen, bemächtigten sich die Vandalen binnen zwei Jahren aller Stühle Mauretaniens. Nach dem Friedensschluß mit Rom sollten die Vandalen nach Hause gehen. Aber da, wo sie hergekommen waren, wollten sie nicht wieder hin. „Selbst Waffengewalt vermochte nichts gegen sie.“ Es machte sie nur noch wütender. „Sie erstürmten 439 Karthago und gründeten in Nordafrika das Vandalenreich. Von hieraus plünderten und verwüsteten sie alle Inseln und Küsten des westlichen Mittelmeeres, 455 auch Rom.“

Genug zurückgeblickt. Woher das alles kommt, läßt sich immer leicht sagen. Aber wie das abwenden, wenn es wieder anrollt? Wer hat da wieder was falschgemacht? Die Mütter? „Zu Hause“, heißt es oft, „machen die das doch auch nicht.“ Irrtum. Da räumen die Mütter den Dreck weg. Aber auch Mütter können einmal als jugendliche Chaotinnen angefangen haben. Die Gesellschaft? Diese typisch deutsche Gesellschaft, die immer alles verbieten und ordnen und sauberhalten muß? Nein, die typisch deutsche Gesellschaft gibt sich alle Mühe, nicht so zu sein, wie sie ist.

Die Verbotstafeln, in Fußhöhe angebracht am Rande des mit der Nagelschere geschnittenen Rasens, sind längst verschwunden. Betreten verboten, Kinder und Hunde sind anzuleinen. Das war einmal. Bevor die ersten weißlackierten Parksessel aufgestellt wurden vor 31 Jahren, mußte zunächst die Frage geklärt werden, wie kommt der Spaziergänger in seinen Stuhl, ohne den Rasen zu betreten? Steinplatten auslegen? Trampelpfade? Wie so oft half auch hier ein Blick über den Kanal ins vorbildhafte England. Dort war der Gang zum Stuhl nie ein Problem.

Englischer Rasen ist begehbar und wird dadurch immer besser, wie ein Perserteppich. Tagsüber zahlt, wer sitzen will, eine kleine Stuhlgebühr, die für Reparaturen ausgegeben wird. Abends werden vielerorts die Möbel mit Handwagen eingefahren, in Schuppen untergestellt und weggeschlossen. Das wäre eine Lösung. Arbeitslose Vandalen, die dafür bezahlt werden könnten, finden sich. Diejenigen am Erhalt dessen interessieren, was sie sonst zerstören würden. Viola Roggenkamp