Sie halten ihre Dichter in Ehren, die Polen. Als auf der Bühne der Philharmonie in Breslau der Staatssekretär des Niedersächsischen Ministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten dem polnischen Dichter Tadeusz Rözewicz die Urkunde für den "Kulturpreis Schlesien 1994" und einen Strauß Rosen überreicht, erheben sich die Hunderte im Saal andächtig und jubeln dann dem alten Herrn zu.

Wie kommt das Land Niedersachsen dazu, das mit Polen gar keine gemeinsame Grenze hat, einen Schlesien Preis zu verleihen, und das auch noch in der alten Residenzstadt der Region, in Breslau? Das Fragezeichen hinter diesem Satz ist so dick und schwer und auch ein halbes Jahrhundert nach dem Überfall von Hitlers Wehrmacht auf Polen noch so blutig, daß wir Zuflucht suchen bei Schriftstellern. Ricarda Huch (1864 1947) erinnert 1929 in ihren "Städtebildern" aus dem "Alten Reich" an die Oderstadt mit diesen Worten: "An der östlichen Grenze des Reiches gelegen, entstand Breslau nicht durch Eroberung und Unterdrückung der slawischen Elemente, sondern dadurch, daß die Völker, die sich hier begegneten, sich vertragen lernten, wenn das auch nicht kampflos geschah. Das Freie und Weite, was Städte wie Hamburg durch ihre überseeischen Beziehungen bekamen, dankt Breslau dem Hindurchströmen der Völker, zwischen denen die Deutschen sich nicht durch Waffengewalt, sondern durch Tüchtigkeit und Arbeit behaupteten " Nicht durch Waffengewalt? Als die damals 60jährige deutsche Autorin so über Breslau schrieb, war der heute im 74. Jahr in Breslau lebende polnische Lyriker, Erzähler, Dramatiker Rözewicz gerade schulpflichtig geworden. Keine zwanzig Jahre später - da war sein älterer Bruder von den Nazis erschossen, war er selber als Kämpfer für die Befreiung seiner Heimat bei den Partisanen der Landesarmee knapp dem Tod entkommen - sieht sich ein gerade mündig gewordener Pole zu dieser Lebens Bilanz verdammt "Klage" steht über den Versen in Rözewiczs erstem Gedichtband mit dem eine ganze Generation prägenden Titel "Unruhe" (1947):

B in zwanzig jähre alt und tnörder ein Werkzeug blind wie ein heil in der hand des Henkers ich habe einen menschen erschlagen und weiße frauenbrüste mit roten fingern begrapscht Verstümmelt seift ich nichts 1 , , f, keinen himmel und keine rose keinen vogel kein nest keinen bäum keinen heiligen Franziskus keinen Achilles Hektar Sechs jähre lang dampfte aus meinen nüstern blut Ich glaube nicht an die Verwandlung des wassers in ich glaube nicht an die Vergebung der Sünden ich glaube nicht an die auferstehung der toten. Wo hätten so trotzige Widerrufe ein stärker dröhnendes Echo als in der noch immer mittelalterlich gefügten Bischofsstadt. Lief nicht schon der schlesische Maurerssohn aus Sprottau, der Schriftsteller Heinrich Laube, heute fast nur noch bekannt als der Deutsche, der sich von 1849 bis 1867 auf dem Sessel des Direktors am Wiener Burgtheater halten konnte, durch die engen Gassen und höhnte: "In Breslau steht immer eine große Kirche nur fünfzig Schritte von der anderen entfernt. Bilder des Gekreuzigten verkümmern im Sonnenschein, purpurrote Mesner kriechen wie gekochte Krebse an den Mauern entlang. Kleine blauschwarze Kirchenfenster blinzeln wie falsche, tückische Augen, und christliche Verzweiflung ist rings verbreitet. Wenn ich nicht sehr guter Laune war, so wagte ich mich nie in die Nähe des Domes. Es fiel mir immer ein Verbrechergefühl auf die Brust, wenn ich diese steinerne Betrübnis und wein Zerknirschtheit s a h Ein konsequentes Christentum ist von jeher wie ein mit künstlichen Blumen aufgeputzter Friedhof "

In den Friedhof dieser vom Krieg noch immer schwer gezeichneten Stadt, die doch vor Lebenslust funkelt, kamen am Wochenende des 11 112. Juni Gäste aus Deutschland, nicht nur alte Schlesier, ehemalige Breslauer Bürger, sondern auch viele junge Menschen. Könnte das Grenzland Schlesien, in dem deutsche, österreichische, polnische, böhmische Traditionen der Kultur und Lebensart noch immer lebendig sind, auch für eine neue Generation interessant werden als Ort der Begegnung verschiedener, aber europäischer Kultur?

Der Schriftsteller Arnold Zweig, Schlesier auch er, 1887 in Groß Glogau als Sohn eines Sattlermeisters geboren, erinnert sich:

"Meine ersten Semester studierte ich in der schönen alten Kirchen- und Oderstadt Breslau und lernte Architektur und Mittelalter sehen und empfinden. Von der frühen Backsteingotik des mächtig aufgetürmten Domes bis zum geschwungenen und reichen Barock der Bischofspaläste auf der Dominsel - welch ein ununterbrochener Niederschlag kulturellen Werdens im Austausch zwischen Westen und Osten! Breslau war ein Haupttor des Austausches zwischen der polnischen und der deutschen Welt, und der Einfluß von München und Dresden kreuzte sich dort mit dem von Warschau und selbst von Budapest "

Gut und richtig, daß die Stifter des "Kulturpreises Schlesien" im siebzehnten Jahr endlich hierhergefunden haben und in Breslau einen Brükkenschlag über die Oder wagen. Ging von dem Schlesien Preis nicht bis in die letzten Jahre der Moderduft von Revanchismus aus? Die "Vertriebenenverbände" haben ihn von ihren jährlichen Pfingsttreffen noch immer nicht verbannt. Dabei hat dieser "Kulturpreis Schlesien" gute Chancen, zu einem bedeutenden Kunstpreis für die deutschpolnisch tschechische Kulturlandschaft Schlesien zu werden.