Warum erzählen Sie nicht?" lautet der neueste Vorwurf an die Adresse der Schriftsteller. Aber wie soll man beispielsweise einen Krieg erzählen? Das war zu Homers Zeiten noch einfach. Der Erzähler war nach Belieben in der Schlacht anwesend, geisterhaft, unsichtbar und unverletzlich. Sogar zu den Göttern hatte er freien Zugang und schilderte, wie sie auf goldenen Stühlen zurückgelehnt dasaßen und dem Getümmel auf der Erde bald gleichmütig, bald amüsiert (mit homerischem Gelächter) zusahen. Das Epos spielt immer in der Vergangenheit. Und die Allgegenwart und Allwissenheit Homers rührt gerade daher, daß alle immer schon wissen, wie es weitergeht, weil sie den Ausgang kennen. Wie aber soll man Gegenwart erzählen?

"Die Dunkelheit des Jetzt kann kein Blick er- _____ —reichen, bevor es nicht vorüber ist", hat Ernst Bloch gesagt. Der Surrealismus kann als die Anstrengung gelten, die Dunkelheit des Jetzt zu zerteilen, um den Preis i allerdings, daß nicht nur die Welt, sondern sogar noch das Auge, das sie erblickt, zweigeteilt ist. Niemand, der je Bunuels und Dalis Film "Le Chien Andalou" gesehen hat, kann den Schock des zerschnittenen Auges vergessen. Das surrealistische Auge polarisiert alle Wahrnehmungen, um sie wie unter Magneteinfluß neu zu gruppieren. DiesW :

Prinzip der zerstückelten Wahrnehmung ist dem Beschauer surrealistischer Bilder geläufig. Zu entdecken bleibt, daß die surrealistischen Bilder sich nicht der Malerei, nicht dem Film, sondern der Literatur verdanken. Der Surrealismus ist aus dem Geist der Lyrik entstanden.

Die "unverhoffte Begegnung eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch" (Lautreamont) war ein Sprachbild, lange bevor es optisch umgesetzt wurde. Die surrealistische Poesie will, wie Andre Breton in seinem "Ersten surrealistischen Manifest" schreibt, Kurzschlüsse hervorrufen, Blitze, in deren künstlichem Licht wir sehen könnten, wenn sie nicht so rasch wären. Die Hand sieht, das Auge tastet. Anschauung und Begriff wechseln die Stelle; die Anschauung ist jetzt das Intellektuelle, während das Begreifen ins Haptische übergeht. In der Dunkelheit des Jetzt kann man nicht darstellen, was man sieht, sondern nur ausdrücken, was man empfindet, wenn man einen Gegenstand berührt, auch wenn diese Berührung immer etwas PassionellSinnliches und sogar etwas Panisches haben wird. Während die surrealistische Malerei ihren Siegeszug um die Welt angetreten und den Schock des Zum ersten Mal längst verloren hat, scheint über der Rezeption der surrealistischen Literatur ein Unstern zu walten. Der Ausbruch der "surrealistischen Revolution", die zu Beginn rein literarisch intellektuell war - nichts Geringeres als die Revolutionierung des Lebens aus dem Geiste der _Poesie , fand in Frankreich bereits 1924 statt, aber erst 1969 wurden die Manifeste des Surrealismus ins Deutsche übersetzt. Wenig später folgte die erste Übertragung des "Paysan de Paris" von Louis Aragon, jenes Buches, das Walter Benjamin zu seiner Passagenarbeit inspirierte und von dem er gesagt hat, er habe damals nie mehr als zwei bis drei Seiten lesen können, weil sonst sein Herzklopfen zu heftig wurde. Und so ist es nicht weiter erstaunlich, wenn erst jetzt "Arkanum 17", eines der großen Bücher Andre Bretons, in deutscher Übersetzung erscheint.

Das Buch ist während des Zweiten Weltkriegs entstanden, als Andre Breton nach Nordamerika emigriert war. Wenig vorher hatte er seine berühmte Rede vor den Studenten von Yale gehalten, in der er den Surrealismus als Brücke und Tor zwischen den beiden Kriegen bezeichnete. Es sei zwar, sagt er da, unerläßlich, die drei grausigen Gestalten Hitler, Mussolini und den Mikado zu bekämpfen und zu besie_____, gen. Die Ursachen von Krieg und Faschismus seien dadurch jedoch noch nicht beseitigt. Der Surrealismus habe mit seiner Methode des psychischen Automatismus H eine Sonde angesetzt, um an die Ursachen des Übels heranzukommen. Und Breton stellt in Aussicht, daß auch nach dem Ende des Krieges, das damals noch nicht abzusehen war, in der zweiten Jahrhunderthälfte dem Surrealismus eine wichtige Funktion zukommen werde: Forschungs- und Entrümpelungsarbeiten im gesellschaftlich Unbewußten zu leisten, "diesem unermeßlichen und düsteren Feld des Es, in dem die Mythen sich aufblähen und von dem sich die Kriege nähren". Das Mittel der Entrümpelung aber sei die automatische Schreibweise und mithin die Entdeckung einer Sprache unter dem verbalen Alptraum, als der das 20. Jahrhundert einmal gelten wird. "Arkanum 17" stellt die drängenden Probleme der Aktualität dar, aber es erzählt sie nicht. Das Buch spiegelt die Zerrissenheit der Gegenwart so, wie es der Doppelheit des surrealistischen Auges entspricht. Auf der einen Seite gibt es wie bei Homer eine Vogelperspektive (einst die Perspektive der Götter, heute, im Zeichen der Physik, die des "idealen Beobachters"). Dies ist der Fluchtpunkt, von dem Breton immer geträumt hat, von dem aus die Gegensätze auf einmal wahrnehmbar wären. Die Surrealität ist nichts anderes als dieser Punkt. Breton nennt diesen unbedingt verschiedenen Blick das Auge des Sperbers: "Hoch oben am Himmel sucht das Auge des Sperbers den Weiher ab, während in seinem Herzen eine Lampe angeht, die es gestattet, alles zu sehen, was in ihm vorgeht. In diesem Herzen spielt sich mit großem Gepränge das Mysterienspiel der Erinnerung und der Zukunft ab, und ich, der ich es in diesem Augenblick anschaue, fürchte als erster, von ihm geblendet zu werden. Nun liegt der ganze Weiher spiegelverkehrt im Auge des Vogels, und was er da zerhackt und zerfetzt, ist er selbst Auf der anderen Seite wird die Tiefe ausgelotet, und die Sonden sind auch für den fast fünfzigjährigen Breton "Automatismus und Traum", wobei es in "Arkanum 17" nicht einmal die Perspektive seiner eigenen Träume ist, aus der er die Welt betrachtet, sondern - so als steckte er im Traum einer anderen - Elisas Traum.

Im Januar 1944 traf Breton an einem New Yorker Wintertag - es tobte gerade ein Schneesturm - seine künftige Frau Elisa "Ohne Zögern", sagt Breton, habe er sie, die er nicht kannte, wiedererkannt: "Ich sehe dich noch auf der vereisten Straße, ein Gestalt gewordener Kälteschauer, nur die Augen schauten hervor. Den Kragen hochgeschlagen, den Schal mit der Hand fest auf den Mund gedrückt, warst du das Inbild des Geheimnisses, eines der großen Geheimnisse der Natur in dem Augenblick, da es sich enthüllt, und in deinen Augen, ganz abziehendes Gewitter, war ein sehr blasser, eben erst sich wölbender Regenbogen zu sehen "

"Arkanum 17" ist nur wenige Monate nach dieser Begegnung, nämlich vom 20. August bis zum 20. Oktober 1944, in einem Zuge geschrieben worden. Das Buch ist nach "Amour Fou" ein erneuter Versuch Bretons, die Liebe darzustellen. Immer braucht er dafür das Meer. Die Frauen werden zu Meerjungfrauen, irisierenden, verführerischen, halb wirklichen, halb mythischen Wesen. Der Augenblick der Liebe ist der, da in der blendenden Helle des Mittags, die zugleich tiefste Dunkelheit ist, Melusine menschliche Gestalt annimmt. Das Problem in "Arkanum 17" ist das alte: diese Angst, daß Melusine mit einem Schrei wieder ins Meer zurückkehren, sich in Natur zurückverwandeln könnte "Die Schlangen ihrer Beine tanzen zum Takt des Tamburins, die Fische ihrer Beine tauchen unter und ihre Köpfe kommen anderswo wieder zum Vorschein . Melusine, zur Hälfte wieder von panischem Leben ergriffen Doch die Lösung ist neu: Breton erfindet den zweiten WSchrei Melusines, der ihre Menschwerdung definitiv macht.