Von Ernst Helmstädter

Paul Krugmans These, die heimische Produktivität sei für den Lebensstandard eines Landes wichtiger als dessen internationale Wettbewerbsfähigkeit, reizt zum Widerspruch, insbesondere bei uns in Deutschland, wo die Standortrhetorik mit der von Krugman angegriffenen Wettbewerbsrhetorik in voller Harmonie erklingt. So behauptet Axel Nitschke, daß sich die Dinge hier, in einem Lande mit hoher Außenverflechtung, ganz anders darstellen als in den USA mit deren niedriger Außenverflechtung. Krugman bleibe jedenfalls den Beweis der Allgemeingültigkeit seiner These schuldig.

Krugmans Argumentation baut zutreffend darauf auf, daß Nationen nicht in einem vergleichbaren Wettbewerbsverhältnis zueinander stehen wie Unternehmen. Wir müssen uns schon sagen lassen, daß hierzulande mit dem Wettbewerbsbegriff allzu leichtfertig umgegangen wird. Das belegt schlagend der im Zusammenhang mit der „Vollendung des Europäischen Binnenmarktes“ (wer redet heute noch davon?) strapazierte Begriff des Institutionenwettbewerbs. Er wurde und wird noch heute so verstanden, als würden die Steuersysteme der europäischen Länder und Regionen miteinander konkurrieren, und am Ende würde sich das beste System durchsetzen. Die Subventionssysteme übersieht man dabei geflissentlich. Daß ein solcher Wettbewerb nicht funktionieren kann, liegt am Fehlen eines den wirtschaftlichen Wettbewerb charakterisierenden Sanktionssystems. Ohne das geht es nicht!

Krugman führt lediglich den Konkurs als äußerste Sanktion an. Nur Unternehmen können in Konkurs gehen, nicht jedoch Nationen. Für die laufende Lenkung des Wettbewerbs sind aber eine Vielzahl von feineren Signalen wie Preise, Auftragseingänge, Gewinne, nicht zuletzt der Innovationsvorsprung und anderes, maßgebend, die bei Institutionen oder Nationen gar nicht empfangen werden können. So kann mit gutem Recht behauptet werden, daß Nationen nicht in einer den wirtschaftlichen Wettbewerb kennzeichnenden Beziehung zueinander stehen. Das Prestige, das einem Land aus hohen Wachstumsraten zufließen mag, besagt nicht, daß die Nationen gerade um solche Raten konkurrieren.

Krugman versteht man nur dann zutreffend, wenn man beachtet, daß er die von ihm gegeißelte „Wettbewerbsrhetorik“ als eine Wirtschaftspolitik anprangert, die glauben machen will, daß es Sache des Staates sei, den Unternehmen des Landes Wettbewerbsfähigkeit zu verleihen. Alle von ihm gegebenen Beispiele für eine solche Politik besagten nichts Weiteres, als daß sich hinter der Metapher des – mißverstandenen – Wettbewerbs Protektionismus, Subventionen und Industrie- und Technologieförderungspolitik verbergen. Kurz: Krugman wendet sich gegen eine falsch etikettierte Wirtschaftspolitik und deren verheerende Folgen.

Krugmans Sprache (zumindest in deutscher Übersetzung) verdunkelt leider den gemeinten einfachen Sachverhalt. Auch das ebenfalls im Zentrum stehende Verhältnis von Binnenproduktivität, Lebensstandard und Außenwettbewerb erschließt sich in Krugmans Beitrag nicht auf den ersten Blick.

Hier können zwei schlichte Beispiele mehr Klarheit bringen. Ein Land mit Monokultur möge ohne internationale Konkurrenz einen Rohstoff anbieten. Wenn es seine Binnenproduktivität steigert und mit gleichem Faktoreinsatz dann eine große Menge dieses Rohstoffs am Weltmarkt abzusetzen versucht, könnte ein Preisverfall seinen Lebensstandard vermindern. Die verschlechterten terms of trade drücken dies ebenso aus wie der zu Preisen der Einfuhrwaren deflationierte Wert der Rohstoff ausfuhr. Das Land ist unverändert wettbewerbsfähig geblieben, dazu produktiver geworden und doch zugleich ärmer dran. In diesem Beispiel laufen die Dinge scheinbar zusammenhanglos auseinander.