Von Horst Vetten

Das Geräusch, das jetzt einige Wochen lang über den Atlantik dringt, läßt den Schluß zu: Dort ist nun wirklich die Schlacht aller Schlachten losgebrochen. Es geht aber nur um einen Ball, 453 Gramm schwer. Der Ball ist seit Menschengedenken ein Mythos. Wir verdanken ihn keinem Geringeren – aber auch keinem Gehobeneren – als dem Skarabäus, vulgo Mistkäfer.

Die alten Ägypter verehrten den Mistkäfer als Sonnengott. Das kam so: Der Mistkäfer baute aus einem Material, auf das sein Name hinweist, kugelrunde Gebilde zum Zwecke der Vorratshaltung. Diese Container konnten die Größe einer Nuß, eines Apfels, gar eines Kürbisses erreichen. Nicht alle Mistkäfer brachten den Fleiß auf, eine solche Konstruktion zu verwirklichen. Manche fanden es bequemer, den Fertigbau zu klauen. Darob kam es zu länger andauernden Feindseligkeiten, in deren Verlauf die Kugel fleißig hin und her bewegt wurde. Beim Kampf leuchteten die Farben der Käferpanzer im Sonnenlicht in einer Weise auf, die man heute metallic nennen würde. Das beeindruckte die alten Ägypter dermaßen, daß sie den Mistkäfer zum Sonnengott erhoben. Alsbald formten sie Nachbildungen vom Mistkäferball und begannen damit zu spielen.

Unabhängig von den Ägyptern kamen Menschen in allen Erdteilen auf ihren eigenen Ball: die Azteken, die Sumerer, die Chinesen... Was also da als letzte Aktualität über den Globus dröhnt, ist das älteste Spiel der Menschheit. Wie man weiß, gibt es zig Variationen. Was man mit einem Ball alles machen kann, das lehren uns Künstler wie Pete oder Leute mit unaussprechlichen Namen aus Fernost, die Zelluloidkugeln zu Teufelchen verhexen.

Noch lehrreicher sind die Erkenntnisse, die man aus dem Selbstversuch gewinnt. Über Fuß-, Hand-, Tischtennis-, Tennis- und Golfbälle ist der Kugelforscher am Ende seiner Kontemplationen bei der Billardkugel angelangt, einem von ihm über Jahre hinweg etwas herablassend als Kinderspielzeug betrachteten Rundling, dem freilich ein beträchtliches Maß an Symbolkraft innewohnt. Unter Billardeuren zweifelt niemand daran, daß Billardkugeln Wesen sind und wahrscheinlich sogar eine Seele haben. Poolbillardspieler vermuten im roten Dreier alle Schlechtigkeit der Welt. Die Niedertracht des gestreiften Dreizehners ist ebenso sprichwörtlich. Die nichtsnutzigste aller Kugeln aber ist die schwarze. Die kann einen echt ballaballa machen. Und plötzlich wird man am Beispiel dieser Kugeln gewahr, warum Bälle machen, was sie so machen: so was wie dieses Linien-Balken-Linien-Unikum von Wembley, dieses giftige Ding, das die Hand Gottes ins Tor spedierte, diese krummen Teufel, die aus den Händen von chinesischen Equilibristen schießen.

Also die schwarze. Einen Spieler, der weltvergessen an die schwarze nicht den mindesten Gedanken verschwendet, bis sie dann, ruck, zuck, nicht einmal, einen Schatten hinterlassend, in einem Loch verschwindet, den trifft das wie ein Blitz. Jeder reagiert da anders. Der „Champ“ in unserem Club sagt nur „puh“. „Obstler“ sagt: „Des gibt’s doch net.“ Der fortgeschrittene Ballforscher macht auf Pokerface. Nur jetzt keine Bewegung zeigen, da ihn alle angucken. Diese Erfahrung hat er auf seine Fernseh-Selbstdarstellung übertragen. Völler wieder daneben? Keinen Pieps.

„Golf macht demütig“, sagt Golfprofi Bernhard Langer. Billard auch. Das Geräusch aus Amerika vom Billardtisch aus zu verfolgen verhilft entschieden zur Gelassenheit.