Von Petra Kipphoff

Es war in den siebziger Jahren. Ein Mann, zu Besuch in Washington, kaufte eine Tiffany-Lampe. Nicht gerade billig, aber er liebte den schönen Gegenstand, den er mit nach Los Angeles nehmen wollte. Bei der Abfertigung am Flughafen wurde er belehrt, daß er die Lampe nicht mit in die Kabine nehmen könne, sondern aufgeben müsse, man werde sie aber gut und sicher verstauen. Als der Mann in Los Angeles sein Gepäck entgegennahm, war das bunte Tiffanyglas in tausend Scherben. Der Mann ging nach Hause, holte eine Axt aus seiner Werkstatt, ließ sie verchromen, so daß sie schön glänzte. Zusammen mit seinem Rechtsanwalt ging er dann zu dem Büro der Luftfahrtgesellschaft und ließ sich in das Zimmer des Direktors führen. Dort holte er die Axt hervor und spaltete den Tisch des Direktors in tausend Stücke.

Edward Kienholz ist tot. Der Moralist, der sich nach Westernart sein Recht verschaffte, aber auch anderen zu ihrem Recht verhalf, starb im Alter von 66 Jahren in Hope, Idaho, dem kleinen Ort im Nordwesten Amerikas, wo er seit Jahrzehnten den Sommer in einem großen Blockhaus verbrachte, mit seiner Frau Nancy, Freunden, Kindern, Schwiegereltern, Sammlern, Museumsleuten, Künstlern, Mitarbeitern und vor allem in der Nähe des Puppenstubenhauses seiner zierlichen, energischen Mutter, die er lateinamerikanisch mater nannte. Er liebte diese Landschaft der endlosen Wälder und Seen, in der er aufgewachsen war, und er liebte es, hier der pater familias zu sein, Angelausflüge auf dem Lake Pend Oreille zu organisieren, am großen, selbstgebauten Holztisch im Freien mit einem Becher Kaffee zu sitzen und im Gespräch eine Skulptur gegen ein Segelboot oder einen Mercedes zu tauschen, nebenbei noch einen Grundstückshandel in Gang zu setzen.

Er liebte es, hier, in der Werkstatt oder im Freien, bei ständig plärrendem Radio zu sägen, zu hämmern, zu leimen, zu nageln. Alles drehte sich um ihn, das lag schon in seiner Statur, seinem Auftreten begründet. Aber der große Egomane war auch der große Freund und Kollege. Vielen jungen Künstlern hat er geholfen und im Sommer im Studiohaus in Hope kleine Ausstellungen von Freunden oder Künstlern organisiert, auf die er aufmerksam machen wollte. "The Faith and Charity in Hope Gallery" heißt diese Sommer-Galerie, natürlich ist sie steuerbegünstigt, zur Eröffnung kommen oft über hundert Leute, manche haben eine lange Autofahrt hinter sich.

Der Mann, der selbst zur Axt griff, war ein Selfmademan, nicht nur in seiner Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit, die dann auch auch mal ausfransen konnte. Als er jung war und ohne Einkommen, machte er zum Beispiel gern Probefahrten mit neuen Autos, die er natürlich nie zu kaufen gedachte. Unterwegs aber wurde schnell der Ersatzreifen ausgeladen, um ihn später zu Geld zu machen. Ausgleichende Gerechtigkeit für einen Jungen, der auf einer kleinen Farm aufgewachsen war, früh den Vater verloren hatte, sich selber viele handwerkliche Fähigkeiten beigebracht und sich immer mit einer Mischung von Aggressivität und Phantasie durchgeschlagen hatte. Noch in einer von Kienholz selbst zusammengestellten Biographie von 1985 steht zu lesen: "Ed kauft und verkauft auch weiterhin Gebrauchtwagen." Das ist, als Auskunft eines arrivierten Mannes, ein bißchen kokett. Und sagt doch mehr über den Künstler Kienholz als manche steile kunsthistorische Etikettierung. Es ist ein Hinweis auf den Händler, den Sammler und den Handwerker, ohne die es den Künstler Kienholz nicht gegeben hätte. Der hatte zwar eine Schule besucht, aber nie eine Universität oder Kunstakademie.

Im Jahr 1953 kam Kienholz nach Los Angeles, arbeitete in einem Theater, machte kleine Reliefs, gründete mit Freunden 1957 die legendäre Ferus-Galerie und fing an, Tableaus aus Fundstücken zusammenzustellen – eine ferne Erinnerung an "Knotts Berry Farm" und ähnliche Plätze in Kalifornien, wo man die Räume, in denen Farmprodukte verkauft werden, gelegentlich mit Puppen und alten Geräten dekoriert, um ein bißchen schöne Vergangenheit sichtbar zu machen. Aber natürlich waren Kienholz’ Stilleben auch das Gegenteil von diesen Szenerien des armen, aber gottgefällig heilen Lebens. Denn er sammelte nicht die schönen Reste, sondern die häßlichen Überreste, nicht die Kostbarkeiten, sondern den Kitsch, nicht den Trost, sondern die Tränen. "Alle die kleinen menschlichen Tragödien kann man aus dem Müll ablesen", sagte er, und er rekonstruierte diese Tragödien: die kleine, schäbige Bar namens "Beanery" in Los Angeles, in der er selber mit seinen Freunden gesessen hatte, denen er jetzt allen Uhren ins Gesicht montierte; das Warten auf den Tod einer alten Frau, die um den Hals Konservengläser mit den Souvenirs der Erinnerung hängen hat; die schmutzige Szenerie einer Abtreibung; das Hindämmern und Sterben im staatlichen Krankenhaus.

Die erste Arbeit, die von Kienholz in Europa zu sehen war, stand 1968 auf der Kasseler documenta, hieß "Roxy’s" und war das Gespräch von Kassel. "Roxy’s", das war ein berühmtes Bordell in Las Vegas, jetzt stand es, eine Mischung von Verruchtheit und Sperrmüll, als begehbares Doppelzimmer mit abgewetzten Teppichen in Kassel: "Möbel, Nippsachen, Goldfische, Räucherwerk, Desinfektionsmittel, Parfüm, Musikautomat, Kleidung usw.", so der Katalog, wo sonst Öl auf Leinwand steht. "Roxy’s", von dessen Wand General Mc Arthur im Farbphoto grüßte und wo einem Schaufensterpuppenkadaver, über eine Nähmaschine gelegt, eine Maus aus der Brust kroch, war kein lebensnahes Bild, sondern ein toddurchfressenes Spektakel. Aber "Roxy’s" war nur der Anfang. Im Jahr 1970 brachte Karl Ruhrberg eine von Pontus Hultén konzipierte Ausstellung mit elf großen Tableaus in die Düsseldorfer Kunsthalle, und wer durch diese Ausstellung ging, der kam anders heraus, als er hineingegangen war. Mir jedenfalls war es damals, als hätte ich ein Stück Pompeji des 20. Jahrhunderts gesehen, die Verwesung der eigenen Zeit gerochen.