Von Gregor Schöllgen

Die deutsche Opposition gegen Hitler hatte viele Gegner, allen voran das totalitäre System und seine spezifischen Strukturen, die eine effektive Organisation des Widerstandes naturgemäß erheblich erschwerten. Von einer geschlossenen Bewegung konnte angesichts der zahlreichen Gruppen und Gruppierungen ohnedies keine Rede sein, und natürlich war dieser Umstand einem konsequenten Handeln ebensowenig zuträglich wie der auch in der Rückschau nicht zu beschönigende Befund, daß sich nur wenige Deutsche zu dem hohen Risiko einer aktiven Widerstandshaltung durchringen konnten.

Als besonders gefährlich für den Widerstand und seine wichtigsten Ziele, die Beseitigung der Diktatur und die Verhinderung beziehungsweise Beendigung des Krieges, erwies sich indessen ein Gegner, dem sich mitunter auch die Oppositionellen selbst nicht entziehen konnten, und das war Hitlers Erfolg, insbesondere auf dem Gebiet der Außenpolitik und der Kriegsführung. In dem Maße, in dem dieser Erfolg auf immer weitere Kreise in Deutschland korrumpierend wirkte, schwand die Basis für einen erfolgreichen Staatsstreich: Wie konnte man die Beseitigung eines Mannes legitimieren, der innerhalb kürzester Zeit auf dem Gebiet der deutschen „Revisionspolitik“ mehr erreicht hatte als alle seine Vorgänger zusammen?

Aus diesen Gründen war es kaum vorstellbar, daß ein Staatsstreich und der sich daran anschließende Versuch einer Stabilisierung der Situation ohne ein Stillhalten der alliierten Gegner Aussicht auf Erfolg hätte haben können. Eine solche „Stillhaltezusage“ galt den Verschwörern aber auch deshalb als unabdingbar, weil sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollten, einem erfolgreichen Feldherrn und seinen Armeen in den Rücken gefallen zu sein.

Das ist das Thema des Buches, das Klemens von Klemperer, einer der besten Kenner der Materie, jetzt auch in deutscher Sprache vorlegt. Esbehandelt, wie der in Amerika lehrende Autor bilanziert, „die Geschichte eines Fehlschlags“. Dem Gegenstand seiner Untersuchung entsprechend gibt er seinem Leser allerdings keine Monographie im klassischen Sinne des Wortes in die Hand, sondern eine Sammlung von Fallstudien über prominente Vertreter beziehungsweise Gruppen innerhalb des deutschen Widerstandes, die vor allem eines gemeinsam hatten, nämlich ihr Bemühen, mit dem Ausland in Verbindung zu treten.

Als Drehscheibe für solche Kontakte dienten die mehr oder minder neutralen Staaten, allen voran die Schweiz, aber auch Schweden oder die Türkei. Wichtigste Adressaten der Fühlungnahmen waren die Sowjetunion, insbesondere aber die USA und natürlich Großbritannien. Vor allem die Archive dieser beiden Länder hat Klemperer durchforscht und durch eine Serie von Interviews und Korrespondenzen, die in der Regel in den siebziger Jahren geführt wurden, ergänzt.

Klemperer ist allen bekannt gewordenen Kontaktversuchen von deutscher Seite nachgegangen, und das heißt eben auch, daß sich das Buch nicht auf die diesbezüglichen Aktivitäten einer Gruppe beschränkt. Die Vertreter der Kirchen, der Armee, des Auswärtigen Amtes oder der Abwehr werden ebenso vorgestellt wie etwa die Repräsentanten des Kreisauer Kreises oder der sogenannten Goerdeler-Beck-von Hassell-Gruppe.