Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?" Im Schaukasten am Pfarrhaus sind diese Worte aus dem Psalm 121 zu lesen. Hier, am Rande der alten Junkerssiedlung in Magdeburg, wohnt Reinhard Höppner, Spitzenkandidat der SPD in Sachsen Anhalt. Seit sechzehn Jahren ist seine Frau Pfarrerin der Evangelischen Kreuzgemeinde. Reinhard Höppner benutzt gerne Berg Metaphern. Dabei inspiriert ihn besonders der Brocken im Harz. Jedes Jahr am 3. Oktober wandert er auf den sagenumwobenen Berg, "um zu sehen, wie weit wir mit der Einheit gekommen sind" "Wir packen den Brokken" - das ist auch der Wahlslogan seiner Partei für die Landtagswahlen am 26. Juni. Aber jetzt, nach den Kommunal- und Europawahlen, müßte er sich, wenn er seine Augen zum Brocken erhebt, eigentlich fragen, woher die Hilfe kommen soll. Seit der Gehälteraffäre der christlich liberalen Regierungskoalition im Dezember letzten Jahres galten die SPD und Reinhard Höppner als sichere Sieger. Je näher der Wahltermin rückte, signalisierten die Umfragen zwar ein Aufholen der CDU. Aber sogar in der letzten, nicht veröffentlichten Infas Umfrage lag die SPD neun Prozentpunkte vor der CDU "Immerhin ein beruhigender Vorsprung", wie Höppner fand, wenngleich er sich in der vergangenen Woche fragte - sichtlich verunsichert von den triumphalen Wahlkampfauftritten des Kanzlers in Dessau und Eisleben , ob die sozialdemokratische Strategie noch richtig sei. So war es ein kleiner Schock, daß die SPD am Sonntag die CDU nicht überrunden konnte. Die Sozialdemokraten ringen um Haltung: "Keine Entwicklung zuungunsten" der SPD habe es "immerhin" gegeben, beruhigt Höppner am Tag danach. Doch der weitaus größere Schock war der Erfolg der PDS. Ihr gutes Abschneiden wurde zwar allseits erwartet; nicht aber in dieser Höhe: zwanzig Prozent bei den Kommunalwahlen und ein Siegeszug in den Großstädten. Die PDS hat sich als feste Größe im politischen Kräftespiel von Sachsen Anhalt etabliert. Schon vor der Landtagswahl präsentiert sie sich als Königsmacher. Bei einer Wahlkampfveranstaltung des christdemokratischen Ministerpräsidenten Christoph Bergner in Halle verkündete der PDS Vorsitzende Roland Claus so nebenbei, seine Partei werde eine rotgrüne Koalition tolerieren.

Die SPD mißt nun ihr Ergebnis bei den Kommunalwahlen an jenen von 1990. Sie verweist darauf, daß man bei der Kreistags- und Stadtratswahl bis auf 1 2 Prozentpunkte an die CDU herangekommen sei. Den Sozialdemokraten könnte es gelingen, das christdemokratische Landratsmonopol zu durchbrechen. Alle CDU Landräte müssen sich jedenfalls der Stichwahl stellen. Außerdem will man bei der Landtagswahl noch zulegen. Dann würden sich die Leute der Gehälteraffäre erinnern, hoffen die Genossen. Gleichwohl sind sie derart verunsichert, daß Höppner, dessen Wahlkampfstrategie bis zur Parodie mit Scharpings Botschaft vom Bessermachen übereinstimmte, nun zum ersten Mal vorsichtig Kritik am Parteivorsitzenden äußert und vom ungünstigen Wind aus Bonn spricht. Eine fragwürdige Erklärung. Denn die ostdeutsche Authentizität steht ganz vorn in der Selbstdarstellung der politischen Konkurrenten. Der Slogan "Einer von uns", mit dem Christoph Bergner auf den Plakaten präsentiert wird, gilt auch für Höppner. Beide Kandidaten, Reinhard Höppner und Christoph Bergner, betonen nicht nur ihre Herkunft aus der Bürgerrechtsbewegung. Sie beschwören sie auch als die junge Tradition ihrer Partei. Obwohl Bergner in der ehemaligen Blockpartei CDU zur Ausnahme gehört und kaum auf eigene Leute mit einer ähnlichen Geschichte zählen kann, bleibt er glaubwürdig. Zwar hat er sich weder um die Personalpolitik seiner Partei gekümmert noch bei der Kandidatenaufstellung engagiert. Aber das Thema Blockpartei ist ausgereizt. Bergner beschränkt sich darauf, selber die Erneuerung der Regierung zu verkörpern. Er praktiziert die neue Bescheidenheit, ohne viel Aufhebens, aber durchaus mit Erfolg "Christoph, der Bescheidene", wie ihn die Kabarettisten nennen, übernachtet immer noch im Klappbett seines alten Abgeordnetenzimmers. Er hält seinen Dienstmercedes an, um Hans Jochen Tschiche, den Fraktionsführer von Bündnis 90Grüne, mal eben zum Bahnhof zu bringen. Im Zug nach Halle kann es passieren, daß der Ministerpräsident mit den Wirtschaftsexperten der PDS über das Arbeitsbeschaffungsprogramm seiner Partei streitet. Auch das Auftreten von Reinhard Höppner vermittelt diese nicht autoritäre ostdeutsche Konsens Kultur. In deren Namen fordert er den "Neuanfang" im Land. Der Widerhall ist schwach. Bitterfeld: In der düsteren Werkhalle gruppieren sich die Arbeiter zwischen rostigen Maschinen und alten Säurewannen zu einem proletarischen Theaterpanorama. Höppner verspricht, daß die Beschäftigung in der ÖSEG (der Sanierungsgesellschaft) unter ihm "solide und qualifiziert fortgeführt wird". Er kündigt eine "Verpflichtungsermächtigung auch für die nächsten Jahre" an. Lieber werde man weitere Kredite aufnehmen. Der Beifall, wenn er kommt, ist bestenfalls höflich. Die Geschäftsführung drängt die Belegschaft, die Gelegenheit zu Fragen zu nutzen. Schließlich meldet sich ein Arbeiter. Er stottert vor Erregung: "Sie reden, wir können, wir wollen, wir möchten. Was wollen Sie aber machen, wenn Sie kein Geld haben?" Die Antwort ist typisch: Höppner erklärt, wieviel ein Arbeitsloser den Staat kostet und daß nun eben dieses Geld für den zweiten Arbeitsmarkt umgeschichtet werden müsse "Es ist kein Finanzierungs, sondern ein Organisationsproblem Wo immer er auftaucht: Die Quintessenz der Regierungstätigkeit, für die er wirbt, ist die "intelligente Lösung". So verkündet er vieles, die "Eigenkapitaloffensive" für mittelständische Betriebe, die Umwandlung der Plattenbauten in Sozialwohnungen - viel Richtiges, Vernünftiges. Aber vor dem Krisenszenario des Landes, das er beschwört, wirkt das immer etwas großsprecherisch.

Die Arbeiter von Bitterfeld erhoben sich sofort nach der Fragestunde und verschwanden im Labyrinth von Rohrbrücken und niedergerissenen Werkhallen. Ob sie von der SPD Regierung eine Wende erhoffen? Die Antworten sind lakonisch: Hinter Kohl stehe doch das Kapital.

Im Waggonbauwerk in Dessau sind 2000 Arbeiter versammelt. Vorher, beim Betriebsrundgang, hatte die Geschäftsführung feierlich den Hoffnungsträger vorgeführt: den doppelstöckigen Schienenbus, ein eleganter Traum aus getöntem Glas und Aluminium, gebaut für eine Marktlücke im Regionalverkehr. Nur Thüringen, nicht Sachsen Anhalt habe einen Referenzbetrieb angeboten. Höppner verspricht auch eine Referenzstrecke im Land unter seiner Regierung. 2000 Arbeiter schweigen.

"Man darf es nicht sagen, aber es fehlt die Statur": Hans Jochen Tschiche vom Bündnis 90Grüne ist nicht wohl bei dem Gedanken an seinen künftigen Koalitionspartner. Höppner sei eher ein Moderator als ein Oppositionsführer. Er habe "den runden Tisch verschluckt", denke an ein Regieren als Fortsetzung der runden Tische. Das aber sei eine vorparlamentarische Einrichtung, von patriarchalischer, kirchlicher Prägung. Und nicht nur Tschiche, sondern auch die Politiker anderer Parteien werfen Höppner vor, seine Chance schon im Dezember 1993 verspielt zu haben, als er darauf verzichtete, als Gegenkandidat gegen Bergner anzutreten.

Tatsächlich kann der Kontrast zu Bergners Wahlkampfauftritten kaum größer sein. Ganz gleich, ob der Ministerpräsident das "Steigenberger Hotel" in Dessau eröffnet, in Wörlitz über die Stiftung zur Erhaltung des Landschaftsparkes spricht oder sich in der Porzellanfabrik Annaberg vom fränkischen Geschäftsführer die heimliche Bitte um "eine kleine Liquiditätshilfe" anhört Bergner bleibt distanziert, sachlich, erklärt, was die Landesregierung tun kann und was nicht. Wenn er mit den Vertretern der kommunalen Selbstverwaltung redet, lebt er jedes Mal richtig auf, feiert sie als die eigentlichen Helden der neuen Demokratie. Nicht die Krise, sondern die politische Leistung der Bürger hebt er hervor. Und das ist auch Bergners Wahlkampfthema: die Demokratie und die Einheit, die sie brachte. Mit einer solchen Rhetorik ist er der ideale Vorredner zu Helmut Kohl, der die deutsche Einheit vor den Zuhörern sowohl als Weltgeschichte wie auch als persönliche Biographie entfaltet. Da er die historische Dimension der Veränderung zurückholt, bejubeln die Leute auch wieder die Hoffnung auf blühende Landschaften.

Reinhard Höppner, der die Krise beschwört und die "gute Regierung" verspricht, bietet als Identifikation nur eine Art Ostnostalgie, eine Erinnerung an die Solidarität, die es in der DDR "doch auch gegeben hat". Doch ob er damit bis zur Landtagswahl die "intelligenteren PDS Wähler", auf die er hofft, für die SPD gewinnen kann, ist fraglich. Für Hans Jochen Tschiche ist die PDS zur "ostdeutschen Völkspartei" geworden, und der PDS Vorsitzende Roland Claus betont, daß man den Status einer Protestpartei überwunden habe. Kommunalpolitische Arbeit, Kompetenz und ostdeutsche Interessenvertretung werden honoriert. Eine Einschätzung, die auch andere Parteien teilen. Kommt die FDP am 26. Juni nicht über die Fünfprozenthürde, steht die große Koalition auf der Tagesordnung.