Gute Nerven hat sie, Ausdauer auch. Aber reiche Eltern? „Nee“, sagt Brigitte Groneberg spontan und entschieden. „Meine ersten Semester habe ich sogar allein finanziert, weil ich mich mit ihnen verkracht hatte.“ Die provozierende Frage nach den reichen Eltern stellt die Professorin für Altorientalistik an der Universität Hamburg allen, die im Hauptfach die Kulturen Vörderasiens in vorhellenistischer Zeit studieren möchten. Denn Brigitte Groneberg, Jahrgang 1945, weiß aus eigener Erfahrung: „Das Studium ist hart, weil es vom Stoff her ungewöhnlich umfangreich ist, und inzwischen gibt es für ein Dutzend Stellen rund hundert qualifizierte Bewerber.“

Sie ist Spezialistin für babylonische Literatur und Grammatik im zweiten vorchristlichen Jahrtausend, und zu ihren „handwerklichen“ Kenntnissen gehören allein fünf gängige Keilschriftsprachen – Sumerisch, Elamisch, Assyrisch-Babylonisch, Ugaritisch, Hetitisch – und das Phönizisch-Punische. Daß ihre Studenten gute Kenntnisse in Englisch und Französisch haben, darüber läßt Brigitte Groneberg nicht mit sich handeln. Außerdem sind Archäologie, Kunst, Religion, Anthropologie und Kartographie selbstverständlich für jeden, der sich mit den Zivilisationen zwischen Euphrat und Tigris beschäftigt, wo um 3500 v. Chr. eine revolutionäre Doppelentwicklung begann. Dort bildeten sich die ersten urbanen Zentren in der Menschheitsgeschichte – Uruk, Ur, Babylon, Ninive nebst vielen anderen. Um die vielen Stadtbewohner zu verwalten, wurde erstmals eine gesprochene Sprache schriftlich fixiert auf weichem Ton. So entstand in Mesopotamien die Schrift, ursprünglich als sumerische Keilschrift. Im Reich von Akkade, das König Sargon um 2300 v. Chr. als Territorialstaat schuf, nutzten Priester und Verwaltungsbeamte diese Keilschrift dann als Instrument für ihre neue semitische Sprache mit den vielen Dialekten. Die Elite war mehrsprachig und legte bis zu fünfsprachige Wörterbücher an, denn diese altorientalischen Kulturen waren nicht fremdenfeindlich, sondern assimilierten alles, womit sie in Berührung kamen.

Gut 4000 Jahre später fällt man bei Brigitte Groneberg im unscheinbaren Bau des Archäologischen Instituts mit der Tür gleich ins Arbeitszimmer. Weder Sekretärin noch wissenschaftliche Assistenten, keine ABM-Stelle weit und breit. Auf der Fensterbank ist gerade noch Platz für die Kaffeemaschine, nur 9000 Mark darf Frau Professor im Jahr für die Bibliothek ausgeben. Mehr gibt die C3-Professur – also kein Lehrstuhl wie C4 – nicht her. Aber Brigitte Groneberg, dank C3 seit 1990 Mitglied im Klub der deutschen Professoren für Altorientalistik – die einzige Frau unter vierzehn Männern – ist kein Typ für Wehleidigkeit: „Ich bin hier völlig selbständig, und die Kontakte zu den Kollegen im Institut sind sehr gut.“

Brigitte Groneberg würde natürlich gern mehr Mittel für ihre Abteilung haben, und sie hat sich zur Vorsitzenden des Haushaltsausschusses im Fachbereich Orientalistik wählen lassen, weil sie wissen will, wohin das Geld fließt. Doch das alles tritt in den Hintergrund, wenn sie voller Begeisterung schildert, an welchem aufregenden Abschnitt sich ihr Fach befindet, seit der Göttinger Gymnasiallehrer Georg Friedrich Grotefend im Jahre 1802 als erster erfolgreich ein paar Zeilen Keilschrift entzifferte: „Wir haben jetzt einen Überblick, was die Literatur und die Sprache betrifft. Wir haben keine wirklichen Schwierigkeiten mehr, Texte zu entziffern und zu verstehen. Wir kennen die Einzelheiten und die komplexen Zusammenhänge, die diese Kultur ausmachen.“ Sie fordert: „Wir müssen in Deutschland heraus aus dem Elfenbeinturm. Es ist an der Zeit, Synthesen zu ziehen, vor allem im Bereich der Ideengeschichte, und verständlich darzustellen. Das sind wir der Öffentlichkeit schuldig. Sonst kann sie uns mit Recht die Mittel streichen.“ Ihre Konsequenz macht auch vor dem nicht halt, was sie einst für dieses Fach gewonnen hat: „Ich wollte immer graben. Ich wollte fremde Länder und Kulturen kennenlernen. Nur am Schreibtisch zu forschen ist auch in Zukunft meine Sache nicht. Aber wir müssen heute schneller Ergebnisse liefern. Wir können bei Grabungen die Schichten nicht mehr ausschließlich mit dem Pinselchen abtragen. Wenn Dinge gefunden werden, die vom Typ her bekannt sind, muß man das nicht mehr im Detail bloßlegen und kann auch mal mit dem Bulldozer arbeiten.“

Die Lektüre von Karl May und C.W. Ceram hat Brigitte Groneberg fortgetrieben aus dem heimatlichen Westfalen. Ihr Studium und die anschließenden Assistenzjahre verschlugen sie in die schwäbische Provinz nach Tübingen, wo sie sich 1985 habilitierte. Neben den Grabungen kamen Aufenthalte in Chicago hinzu, wo sie für das vierzehnbändige „Chicago Assyrian Dictionary“ Beiträge schrieb, und die Mitarbeit im angesehenen Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris, wo sie zeitweilig Forschungsdirektorin war.

Über das CNRS hat sie Zugang zu den Funden einer französischen Grabung nahe der Königsstadt Mari am oberen Euphrat. Aus der Zeit um 1800 v. Chr. beschreiben die bisher gefundenen 15 000 Tafeln in allen Einzelheiten das Leben am Hofe König Zimrilims. Die reiche Ausbeute läßt Brigitte Gronebergs Puls schneller schlagen, aber nicht nur aus Freude: „Die Kollegen in Paris tun sich schwer, die Texte zu verteilen. Sie besitzen das Recht auf Analyse und auf Publikation. Wenn sie die Wissenschaft vorantreiben wollten, würden sie mehr Texte an ihre Kollegen vergeben.“

Auch unter den Keilschriftforschern grassiert der Qumranbazillus. Weil ein anerkannter Forscher seit den fünfziger Jahren auf den entscheidenden Tafeln mit dem Gilgamesch-Epos sitzt, ist bisher keine gute Edition erschienen. Doch der Langmut der Museen geht zur Neige. Vor allem das British Museum, das den größten Bestand hütet, fragt jetzt nach fünf Jahren an, wie weit der Forscher mit seinem ausgeliehenen Text ist. Hat er nach weiteren fünf Jahren seine Arbeit immer noch nicht beendet, wird das Material – ohne Ansehen der Person – zurückgefordert und einem andern übertragen.