Daß er sich ausgerechnet mit Worten des Bundestrainers trösten wird, ist nicht anzunehmen. Vogts ist nicht Scharpings Fall, wie man weiß. Aber als "Berti", der Verehrer des Kanzlers, nach dem Spiel gegen Kanada mehr Verletzte in seiner Mannschaft als Tore beim Gegner zählte, und das eine Woche vor dem Eröffnungsspiel, da brauchte man für Keine ParaTc Sprüche schon gute Nerven.

Gute Nerven braucht Rudolf Scharping jetzt auch. Die Warnsignale einer beginnenden Panik in seiner Partei sind deutlich. Da wieder Ruhe hineinzubringen ist eine große Aufgabe. Die Aufgabe Kohl, die zu bewältigen er ursprünglich aus Mainz aufgebrochen war, kommt erst hinterher. In seinem Fahrplan zur Macht ist einiges durcheinandergeraten.

Weil gerade auch in der Politik kein Mißgeschick allein kommt, paßte dazu der kleine Versprecher auf der Pressekonferenz am Tag nach der Europawahl, belustigend zwar, aber in seiner Komik auch ein bißchen tragisch: "Das ist in der ersten Runde eine Niederlage. Es kommen aber weitere Gemeint waren Runden, geklungen hat es, dem Sprachduktus nach, wie Niederlagen. Die Heiterkeit war beträchtlich.

Eine Nebensache, gewiß, doch nicht ohne Symbolgehalt. Rudolf Scharping, stets etwas hölzern, nie so ganz locker, immer auf Perfektion bedacht, der Mann, der Fehler haßt - schwupp, einmal unkonzentriert, schon ist es passiert. Ausgeglitten, ausgelacht. So was dürfe einem Profi nicht passieren, stöhnte hinterher ein Sozialdemokrat, das zeige, "wie sehr der Rudolf von der Rolle ist". Nun muß man fairerweise sagen: Das soll einer erst mal so einfach wegstecken, einen Einbruch von 5 1 Prozentpunkten, gerade wenn er Anlauf zum großen Sprung nimmt! Das entspricht schließlich ziemlich genau dem Stimmanteil, um den Scharping am 12. Oktober bei der Bundestagswahl das SPD Ergebnis von 1990 (33 5 Prozent) verbessern müßte, um bei der Regierungsbildung ein ernstes, wenn nicht gar das erste Wort sagen zu können. Statt dessen ist die Partei, die vor einem Vierteljahr im konservativen Niedersachsen noch die absolute Mehrheit holte, bundesweit unter den Tiefpunkt des Lafontaine Resultats gesunken. Schlechter hat sie nur bei den drei ersten Bundestagswahlen der alten Bundesrepublik abgeschnitten. Kein Grund zur Panik? "Ich persönlich habe schon schwierigere Situationen erlebt", sagte Scharping am Tag danach, "auch bittere Niederlagen In solchen Situationen müsse sich erweisen, "ob jemand steht oder fällt". Er, Scharping, fällt nicht, will er sagen. Er steht!

Manche in der Partei fürchten jedoch, es könnte bedeuten: Er bleibt stehen. Nicht fallen heißt für Rudolf Scharping jedenfalls, daran läßt er keinen Zweifel zu, er wolle weitermachen wie bisher, unbeirrt, gradlinig, zuverlässig. Sein Reden und sein Streben werden, frei nach Bill Clintons erfolgreichem US Modell, von "Arbeit, Arbeit, Arbeit" handeln. Seine Schwerpunkte bleiben, neben den Jobs, die "Wiederherstellung sozialer Gerechtigkeit", die "ökologische Modernisierung unserer Wirtschaft" und die Vorsorge - "nicht Nachsorge" - für die Umwelt. Das sind legitime und wichtige Schlagzeilen. Aber die Formelhaftigkeit, in der Scharping sie wiederholt, sich daran geradezu klammert, wirkt nicht kämpferisch. Sie strahlt nicht den Optimismus aus, mit dem man politische Bewegung schafft: mobilisiert.

Die Niederlage der SPD war in erster Linie ein Ergebnis mangelnder Mobilisierung. Dieses Defizit ist Scharping und seinen Beratern seit mindestens einer Woche bekannt "Das wird bei der Bundestagswahl anders", trösten sie sich. Aber von selbst? Naturgesetzlich?

Einige ernst zu nehmende Analytiker der politischen Entwicklung seit der März Wahl in Niedersachsen warnen seit längerem vor dem geradezu demobilisierenden Effekt einer Strategie, die sich mit Stammwählerthemen auf die Suche nach der verlorenen Mitte begibt. Das sei nicht ganz ungefährlich. Denn wer das, um im Bild zu bleiben, mit alten Instrumenten versucht, kann sich in der neuen Unübersichtlichkeit der politischen Landschaft leicht verlaufen "Die Mitte ist in Bewegung", sagt ein Wahlforscher aus dem Beraterumfeld der SPD, "alles ist politisch im Fluß " Wenn selbst klassische Kategorien wie rechts und links nicht mehr ganz das bedeuten, wofür sie einmal standen, warum sollte dann "die Mitte" noch dort sein, wo sie in den siebziger oder achtziger Jahren war? Könnte es nicht beispielsweise sein, fragt der Wahlforscher, daß die SPD Wähler von 1972 oder die Grün Wähler von 1987 heute die "politische Mitte" markieren, mehr als das sogenannte SPD Stammwählermilieu, aus dem in kritischen Situationen schon mal die "Republikaner", aber natürlich auch die Union Anteile abzieht? Könnte demnach Scharping, der die Stammwähler nicht verschrecken und CDU Wähler - "die Mitte" - für die SPD gewinnen will, mit den falschen Instrumenten unterwegs sein? Ist ein Mißverständnis die Basis seiner Strategie? Intern ist darüber bereits gesprochen wo |j pt, denn die großen und kleinen Fehler und Pannen waren ja unübersehbar. Am Anfang stand, kürz vor der Osterpause, Scharpings Fehlstart bei der Präsentation des Entwurfs für ein SPD Wahlprogramm, als er bei der Nennung von Einkommensgrenzen für die vorgeschlagene Ergänzungsabgabe angeblich Brutto- und Nettoeinkommen durcheinandergebracht hatte. Andere sagen, er habe damit nur einen politischen Rückzieher verschleiert. So oder so, das war nicht professionell. Kohl; amüsierte sich im Fastenurlaub :