In englischen Universitäten gibt es ein lehrreiches Gesellschaftsspiel: Die Teilnehmer müssen die Person herausfinden, die einen bestimmten Satz mit größter Wahrscheinlichkeit nie ausgesprochen hat. Hier ist ein Beispiel: „Es ist ein Glücksfall, daß unser College noch genügend 86er Port im Keller hat.“ Die richtige Antwort lautet: Ludwig Wittgenstein. Ein anderer Unwahrscheinlichkeitssatz lautet: „Heute trinke ich mal keinen Kaffee.“ Balzac. Ein dritter: „Hätte ich doch nie von den zwei Kulturen gesprochen.“ C.P. Snow.

Ließe sich das Vergessen lernen, sollten wir lernen, nicht mehr über die zwei Kulturen zu streiten. C.P. Snow hat nicht nur das Schlagwort geprägt; er hat es auch früh verstanden, die Debatte darüber zu monopolisieren. Schon die Antwort auf Snows Rede, die ein so begnadeter Polemiker wie F.R. Leavis lieferte, ist außerhalb von Cambridge kaum beachtet worden. (Für Leavis würde der Unwahrscheinlichkeitssatz übrigens lauten: „Man muß auch mal Kompromisse machen.“)

Snow hatte zwei Kernbehauptungen aufgestellt. Erstens: Naturwissenschaftler verstehen mehr von Kultur als Geisteswissenschaftler von der Natur. Zweitens: Schuld an den totalitären Exzessen der Moderne sind im wesentlichen Geisteswissenschaftler und Literaten. Die erste Behauptung ist überholt und hat heute jeden polemischen Reiz verloren, die zweite ist nicht nur falsch, sondern gefährlich.

Die erste Behauptung trägt dem Ausmaß der in den Wissenschaften erreichten Spezialisierung keinerlei Rechnung. Der Soziologe mag den Festkörperphysiker nicht verstehen, aber beide verstehen den Mikrobiologen nicht, der wiederum keine Ahnung davon hat, was der Geologe treibt, der besser gar nicht erst versucht, das Nibelungenlied im Original zu lesen. Alle Wissensbereiche waren bereits zu Snows Zeiten so zersplittert, daß die Behauptung, zwischen Geistes- und Naturwissenschaften seien die Kompetenzen asymmetrisch verteilt, keinen Sinn mehr macht. Sie ist heute vielleicht noch im Kampf um knappe Ressourcen verwendbar, eröffnet aber keine neuen Erkenntnischancen.

Gefährlicher ist die zweite Behauptung. Sie hat zu wechselseitigen, wirksamen, aber in der Regel unzutreffenden Schuldzuweisungen der Disziplinen untereinander geführt. Aber nicht die Physik ist schuldig, sondern allenfalls einzelne Physiker haben beim Bau der Atombombe Schuld auf sich geladen. Nicht die Chemie produziert Nervengifte, sondern Chemiker, die wiederum in der Regel nicht über den Einsatz der Gifte entscheiden. Nicht die Geschichtswissenschaft hat den jugoslawischen Bürgerkrieg befeuert, sondern allenfalls der nationalistisch und ethnisch verblendete Historiker.

Über die Jahrhunderte der modernen Wissenschaftsgeschichte hinweg ließe sich eine präzise Gleichverteilung von „Schuld“ zwischen den einzelnen Fächern herstellen. Die an Disziplingruppen orientierte Suche nach Asymmetrien von Schuld und Verantwortung in der Wissenschaft ist nicht nur zwecklos: Sie lenkt uns von den wirklich drängenden Problemen ab. Wir haben über der Auseinandersetzung der Disziplinen die Bedeutung der Institutionen vergessen. Wir haben zuviel über Denkformen und zuwenig über Organisationsformen gestritten.

Es waren die frühneuzeitlichen Akademien, die in Europa ein Erkenntnisideal verfestigten, das dem einzelnen Forscher die Verantwortung für die Folgen seines Tuns abnahm; es waren Universitäten und Fakultäten, die in Deutschland nach 1933 Nazis hofierten und jüdische Kollegen vertrieben; es waren Fachverbände, die oft genug Irrtümer beförderten und Wahrheiten verdammten; es waren Zeitschriften, die Unsinn druckten und Sinn verschwiegen; es waren Kongresse, die Weichen stellten und damit Wissenschaftsentwicklungen oft genug ins Abseits lenkten.