Von Horst Ehmke

In diesem Frühjahr wäre Adolf Arndt neunzig geworden. Er starb vor zwanzig Jahren. Vielen ist er als „Kronjurist“ der SPD und als einer der Väter ihres Godesberger Programms in Erinnerung geblieben. In Adolf Arndts Lebensweg verkörperte sich ein Stück der Geschichte des deutschen Bürgertums in unserem Jahrhundert. Der zum Christentum übergetretene jüdische Vater, monarchisch-konservativ gesonnen, war deutscher Staatsrechtslehrer. Der Sohn wurde ebenfalls Jurist und erlebte die Weimarer Republik und ihren Niedergang als Richter. Von den Nazis aus dem Richteramt gedrängt, wurde er schließlich für die „Organisation Todt“ zwangsverpflichtet. Dem Tode knapp entronnen, trat er nach dem Krieg der Sozialdemokratie bei und wirkte zunächst im hessischen Justizministerium als Mitarbeiter von Georg-August Zinn und dann als der originellste juristische Kopf im Deutschen Bundestag am Wiederaufbau der Justiz und an der Neugründung deutscher Demokratie mit.

Das politische Vermächtnis von Adolf Arndt läßt mich heute fragen, wie er wohl auf die nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems und der Herstellung der deutschen Einheit laut werdende „neue Rechte“ in unserem Land reagiert hätte. Ich meine damit nicht, obwohl die Dinge in einem Zusammenhang stehen, die dumpfe Gewalttätigkeit im Dunstkreis des Rechtsradikalismus und auch nicht das Anwachsen von rechtsradikalen Parteien. Ich meine vielmehr jene selbsternannten rechten Vordenker, in denen mein Bundestagskollege Friedbert Pflüger in seinem Buch „Deutschland driftet“ (1994) nicht zu Unrecht einen Neuaufguß jener „konservativen Revolutionäre“ sieht, die als Verächter der liberalen Demokratie so viel zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen haben. Diese Strömung wirkt heute in neue deutschnationale Kreise hinein, die erneut um die nationale Lufthoheit über den metapolitischen Stammtischen kämpfen.

Richtung gab dieser neuen Rechten die den Historikerstreit auslösende These, die Verbrechen des Naziregimes müßten als eine Reaktion auf den gegen das Bürgertum gerichteten bolschewistischen Terror in der Sowjetunion verstanden werden. Der „Archipel Gulag“ sei „ursprünglicher“ gewesen als Auschwitz, schrieb der Historiker Ernst Nolte in der FAZ vom 6. Juni 1986. So wie ich Adolf Arndt aus langen Jahren der Zusammenarbeit kenne, hätte er diese These ohne Umschweife als Versuch zurückgewiesen, die Verbrechen des Naziregimes als im Ansatz verständlich erscheinen zu lassen und damit zu relativieren und zu entschuldigen. Mit anderen Kritikern hätte er darauf hingewiesen, daß die Nazis zwar die durch den bolschewistischen Terror verstärkte Linksfürchtigkeit des deutschen Bürgertums weiter angeheizt und für ihre Zwecke instrumentalisiert haben, der Weltanschauungsbrei der Nazis samt seiner Zutaten aber aus tieferen Schichten der europäischen und der deutschen Geschichte stammte. Das gilt insbesondere für den Antisemitismus.

Adolf Arndt hätte die Apologeten daher gefragt, warum denn die Nazis im Kampf gegen den Bolschewismus die europäischen Juden, deren Masse am Bolschewismus gänzlich unbeteiligt war, zu ihrem Hauptfeind erklärt haben. Noltes Konstruktion, der Präsident des jüdischen Weltkongresses, Chaim Weizmann, habe Hitler den Krieg erklärt, dieser sei daher berechtigt gewesen, die Juden als Kriegsgefangen zu behandeln und in Lagern zu internieren („Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus?“, 2. Auflage 1987, Seite 24), hätte Arndt als Geschichtsklitterung gebrandmarkt. Inzwischen verachtet Nolte auf solche Krücken. Er spricht der Nazi-Ideologie vom „jüdischen Bolschewismus“ angesichts „einer inneren Affinität zwischen Judentum und Bolschewismus“ einen „rationalen Kern“ zu („Streitpunkte“, 1993, Seite 373). „Die These vom jüdischen Bolschewismus“ war falsch, aber ihr Aufkommen war nur allzu naheliegend“ („Streitpunkte“, 1993, Seite 419). Mit historischer Wissenschaft haben solche Sentenzen erst recht nichts zu tun.

Adolf Arndt hätte Noltes Grundthese, der „Rassenmord“ der Nazis sei eine Reaktion auf den „Klassenmord“ der Bolschewisten gewesen, aber nicht nur für falsch, sondern auch für provinziell gehalten. Das Bürgertum der westlichen Demokratien hat, abgesehen von Minderheiten wie den französischen Kollaborateuren, in Hitler bekanntlich alles andere gesehen als seinen Schirm- und Schutzherren vor dem Bolschewismus. Es hat vielmehr seine eigene Existenz aufs Spiel gesetzt, um das „Dritte Reich“ mit seiner Ideologie von Herrenmenschen, Untermenschen und Schädlingen niederzuringen. Dafür ist es sogar ein Bündnis mit der Sowjetunion eingegangen, obwohl die Sowjetideologie eine Perversion des freiheitlichen Gedankenguts der europäischen Arbeiterbewegung darstellte und Stalins Regime ebenfalls verbrecherisch war. Die nihilistischen Angriffe der Nazi-Ideologie auf die europäische Kultur und ihren Glauben an die Gleichheit aller, die Gottes Kinder sind, die Menschenantlitz tragen, hielt der Westen für noch gefährlicher als die sowjetische Perversion dieser Uberzeugungen. Die westlichen Demokraten bewerteten den Nationalsozialismus also anders, als es heute Nolte tut, wohl weil sie sich mit politischem Instinkt und Common sense an der Wirklichkeit orientierten statt an geschichtsphilosophischen Spekulationen.

Ein Streit darüber sollte sich aber heute eigentlich erübrigen. Denn die westlichen Demokratien haben ja nicht nur die Nazis niedergerungen. Anschließend haben sie dem sowjetischen Expansionsdrang Einhalt geboten und dann den Wettbewerb der Gesellschaftssysteme mit dem Kommunismus – im Rahmen der Nato-Strategie von „Verteidigung und Entspannung“ – für sich entschieden. Die liberalen Demokratien, von ihren Verächtern als schlapp und „uneigentlich“ denunziert, haben also zwei totalitäre Mächte besiegt. Man sollte meinen, daß die neue Rechte dazu herzlich gratuliert. Doch weit gefehlt.