Willkommen, Österreich! Wer so entschieden ja zum Beitritt sagt wie die Alpenländler, der verdient freundliche Aufnahme in der Europäischen Union. Das bewährte k u k. Motto hat seine Auferstehung erlebt, diesmal in der Verbindung mit einer Staatengemeinschaft: Tu felix Austria nube, und alle müßten ihren Vorteil davon haben. Die Österreicher, die sich im immer noch recht sicheren Schoß des organisierten Europas geborgener fühlen können, und die Union, der das überwältigende Jawort just am Tage der Wahlen zum Europäischen Parlament einen stabilen Partner und einen kräftigen Vertrauensbeweis bescherte.

Ein vergleichbarer Schwung ging von den Parlamentswahlen - notgedrungen - nicht aus. Wo die Wähler aus zwölf Ländern über eine noch schemenhafte Völkervertretung entscheiden, bleibt Schattenboxen nicht aus. Doch selbst wenn Eigeninteresse statt Europabegeisterung die Wahlentscheidung weitgehend bestimmte, der befürchtete Rückschlag in den Nationalismus hat nicht stattgefunden. Wie die Brunners in Deutschland (oder die Haiders in Österreich) werden die Integrationsfeinde vorerst auf der politischen Bühne der meisten Mitgliedsländer keine Rolle spielen und im Straßburger Parlament nur spärlich vertreten sein. Statt dessen werden dort die gestärkten Fraktionen der Sozialisten und Christdemokraten Regie führen. Das wird der Kalkulierbarkeit des Hohen Hauses zugute kommen. Der glimpfliche Wahlausgang und das glückliche Ergebnis des österreichischen Referendums markieren jedoch nur Etappensiege auf dem Weg zu "einer immer engeren Union der Völker Europas" (Maastricht Vertrag). Das Ziel bleibt in weiter Ferne. Die Gemeinschaftseuropäer haben sich horizontal immer schneller bewegt als vertikal, Erweiterungen stets leichter geschafft als die Vertiefung. Obwohl die Union in letzter Zeit die Skeptiker widerlegte, indem sie den Binnenmarkt trotz der Rezession ausbaute, die Anbindung Ostund Mitteleuropas forcierte und mit der Wirtschafts- und Währungsunion voranschritt, blieb sie hinter dem Notwendigen zurück.

Nach Österreich werden voraussichtlich schon bald auch die skandinavischen Beitrittsanwärter in der Tür zur Union stehen. Das österreichische Beispiel könnte bei den Europareferenden im Herbst Schule machen, erst bei den Finnen, dann bei den Schweden und vielleicht auch bei den Norwegern. Die beitrittsheischenden Nachbarn der Alpenrepublik in Ostmitteleuropa dürften sich ebenfalls noch stärker als schon bisher ermuntert fühlen. Nach Brüssel drängt, an Brüssel hängt doch alles.

Wie aber will die Union ihr Haus so bestellen, daß darin sechzehn oder gar zwanzig Mitglieder nicht einander auf die Füße treten, sondern eine dynamische Wohngemeinschaft bilden? Die neue europäische Hausordnung kann jedenfalls nicht bis zur geplanten Regierungskonferenz in zwei Jahren warten. Schon während ihrer aufeinanderfolgenden EU Präsidentschaften müssen die Bundesrepublik und Frankreich von diesem Juli an die Leitlinien für ein geregeltes, erfolgreiches Miteinander durchsetzen. Mehr Demokratie, wirksamere Institutionen und ein Anlauf zur gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik heißen die Aufgaben. Wer, wenn nicht die deutsch französische Kerntruppe, könnte sie in Angriff nehmen? Wann, wenn nicht vor dem Mitgliederzuwachs, läge der richtige Zeitpunkt?

Die buntscheckigen Wahlergebnisse im Zwölfer Europa beflügeln indes nur zu halbherzigen Hoffnungen auf die große Aktion. Viele schwankende Regierungen und manche Krähwinkeleien verdunkeln den europäischen Horizont. Er läßt sich nur aufhellen, wenn die Ureinsicht der Einigungsbewegung wieder Raum gewinnt: Allein das Zusammenstehen im Verbund garantiert Europas Nationen das Überleben - politisch, ökonomisch, kulturell. Während des europäischen Wahlkampfes ging diese Einsicht zuweilen im innerpolitischen Getöse verloren. Die Gründernationen Deutschland und Frankreich haben jetzt die vielleicht letzte Chance, der europäischen Integration noch einmal Kraft und Gestalt zu geben.