Was in der Welt der großen Politik geschieht, findet manchmal seine Entsprechung im Mikrokosmos der Medizin: Während die östlichen Nachbarn die kommunistischen Führer stürzen, bröckelt hierzulande der Glaube an die Unfehlbarkeit der Chefärzte – die Denkmäler wanken.

Der wind ofchange wirbelt in der Medizin auch die Ansichten darüber durcheinander, wie man Patienten richtig behandeln soll. Therapiekonzepte werden – von der Einsicht getragen, daß das Leiden eines Patienten sich nicht um Glaubenskämpfe schert – nach und nach aus dem Korsett ihrer Ideologien befreit.

Für die Sozialpsychiatrie lieferte jetzt der Weltkongreß in Hamburg Beispiele. Der Name "Sozialpsychiatrie" stand bislang für eine Zuwendung zum psychisch kranken Menschen bei gleichzeitiger Vermeidung der biochemischen Aspekte und Medikamente. Aber der Wind des Wandels bläst heftig: Die dogmatische Ablehnung der Psychopharmaka weicht auf.

So klingt der Titel "Depressives Erleben – die Hilflosigkeit aushalten", mit dem das Symposium zum Thema Depression überschrieben war, wie eine Reminiszenz an vergangene Wertvorstellungen. Denn auf dem Symposium war nicht von "Erleben", sondern von "Leiden" die Rede, nicht von der "Hilflosigkeit", sondern von "Maßnahmen" und schließlich ganz und gar nicht von "aushalten", sondern von "dagegen angehen".

Auf dem Podium sprachen sich zwei Patienten und mehrere Psychiater gegen eingleisiges Denken und für eine Kombination von Behandlungsstrategien aus. Eine angenehme Atmosphäre in der Klinik vermittle dem Patienten die Geborgenheit, die er in seinem Zustand dringend brauche; eine intensive psychotherapeutische Betreuung helfe ihm, den sozialen Ursachen der Depression auf den Grund zu gehen; Psychopharmaka befreiten ihn von seiner lähmenden Grundstimmung.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Damit wurde keineswegs das Hohelied der Medikamente angestimmt. Joachim Becker, leitender Oberarzt vom Bezirkskrankenhaus Landshut, verschwieg die vielfältigen Ängste nicht, die Psychopharmaka erzeugen, und betonte die Notwendigkeit, auf diese Ängste bei der Therapie einzugehen. Aber er ließ keinen Zweifel daran, daß Medikamente helfen. Ja, er ging so weit zu sagen: "Einem Depressiven die Medikamente vorzuenthalten ist Quälerei."

Nicht alle sehen das so. Noch immer steht für viele die Art der Behandlung psychisch Kranker heutzutage in der Tradition des "Dritten Reiches". Die grauenhaften Erlebnisberichte aus jener Zeit wirken noch fünfzig Jahre später nach. Menschen mit brachialen Methoden zu kasernieren, stillzustellen und dabei zu zerstören war während der Naziherrschaft gängige Praxis. In der Folgezeit ermöglichten Psychopharmaka zwar eine Abkehr von diesen Methoden, doch wurde dabei einseitig auf die Medikamente gesetzt und der psychotherapeutische Ansatz vernachlässigt.