Von Jörg Blech

Am Samstag spielen Amerikaner und Schweizer an einem Ort Fußball, wo normalerweise kein Halm grünt. Die Partie wird, erstmalig bei einer Weltmeisterschaft, in einer Halle ausgetragen. Im 76 000 Zuschauer fassenden Silverdome bei Detroit halten teflonbeschichtete Glasziegel zwar Stürme und Wolkenbrüche ab – aber auch neunzig Prozent des Sonnenlichtes, ohne das ein Fußballgrün nicht gedeihen kann. Auch das Flutlicht wäre viel zu schwach, um Pflanzen sprießen zu lassen. Trotzdem liegt im gewöhnlich düsteren Silverdome ein grüner Naturrasen. Und der sei "mindestens so gut wie die besten Plätze in Europa und Südamerika", sagt John N. Rogers.

Der Rasenexperte von der Michigan State University und sein zehnköpfiges Team haben knapp zwei Jahre getüftelt und getestet, ehe sie Gräser gefunden hatten, die Schatten vertragen und den strengen Anforderungen der Fifa genügen. Der grüne Teppich, den die Spieler jetzt bei insgesamt vier Vorrundenspielen achtlos mit Stollen treten, hat "an die zwei Millionen Dollar gekostet", schätzt der 34jährige Rogers. "Graszucht in der Halle für Sportereignisse" ist schon seit längerem ein florierender Forschungszweig an der Michigan State University. Beispielsweise suchen die turf scientists nach natürlichen Belägen für Hallengolfplätze. Im November 1991 kam dann von den Organisatoren des World Cup USA der Auftrag, ein Fußballfeld für die Halle zu entwickeln, damit auch in Detroit WM-Spiele ausgetragen werden können. Den Kunstrasen im Silverdome, auf dem für gewöhnlich die Footballspiele der Detroit Lions ausgetragen werden, hatte die Fifa für die WM abgelehnt. So bauten die lichtscheuen Rasenexperten auf ihrem Campus in Lansing, der Hauptstadt Michigans, erst mal eine zwanzig mal dreißig Meter kleine Testhalle: den Silverdome West, der wie sein großer Bruder ein Teflondach hat und ähnlich belüftet wird. Verschiedene Gräser wurden getestet, und schließlich ging eine Rasenmischung als Sieger hervor: Die besteht zu 75 Prozent aus Kentucky bluegrass, das auch bei uns als Wiesenrispe an Wald- und Wegesrändern, aber auch auf Alpenmatten sprießt. Den Rest macht das rye gross aus, auch diese hellgrünen, aufrecht wachsenden Halme gedeihen bei uns (Weidelgras oder Englisches Raygras).

"Der Rasen wird im Silverdome wie in eine Konservendose gesteckt", sagt der deutsche Rasenpapst Clemens Mehnert. Der Pflanzenbauer hat beispielsweise bei der WM 74 und der EM 88 im Münchner Olympiastadion die Halme gehütet. "Anfangs ist das Gras noch spitze, aber ohne Sonne wird es allmählich gelb, die Wurzeln gehen kaputt, die Pflanzen sterben schließlich ab." Deshalb gönnten die Amerikaner ihrem Rasen so lange wie möglich einen Platz an der Sonne: Bis kurz vor dem Spiel zwischen den USA und der Schweiz wuchs er, ausreichend mit Wasser und Dünger versorgt, noch im Freien auf den Parkplätzen des Silverdome – verteilt auf rund 2000 Kübel. Die sechseckigen, zwanzig Zentimeter hohen Metallkisten sind mit Erde gefüllt, in der das Grün wurzelt.

Vor wenigen Tagen erst schleppten Arbeiter diese Spezialbehälter in den Silverdome und stellten in tagelanger Arbeit Kiste an Kiste auf den Asphaltboden. Sie entfernten die oberen Seitenränder der Kästen, so daß die benachbarten Rasenwaben miteinander verwuchsen und der Flickenteppich als solcher nicht mehr zu erkennen ist. Der Rasen im Silverdome ist also nicht in Bahnen ausgerollt worden, sondern thront auf einem Fundament von tausend Kübeln. Dieser Auswuchs amerikanischer Ingenieurskunst hatte seine Bewährungsprobe bereits im Juni vergangenen Jahres: Deutschland spielte gegen England. "Während außerhalb des Stadions unbemerkt ein Gewitter niederprasselte, gewann unter der Teflondecke des Silverdomes Deutschland 2:1", schrieb das Fifa-Magazin. Die deutschen Ballkünstler waren hernach voll des Lobes für den Rasen. Die Truppe von Berti Vogts flog beruhigt und zufrieden nach Deutschland, die Rasenkübel wanderten auf den Parkplatz, wo sie ein ungewöhnlich strenger Winter erwartete: Eisiger Wind ließ die Halme bis an die Wurzeln einfrieren; da halfen auch 1200 Sandsäcke nichts, die zum Schutz um die Kisten im Herbst herumgestapelt worden waren.

Doch das ist Schnee von gestern, das Grün erholte sich in der Frühjahrssonne und präsentiert sich nun in "hervorragender Verfassung", sagt John N. Rogers. Beim World Cup USA hat der Rasen im Silverdome elf Tage und vier Spiele zu überstehen; sein Züchter wird ihn in dieser Zeit nicht aus den Augen lassen. Mit einem geheimen Gemisch aus Düngemitteln und einem ausgeklügelten Bewässerungssystem will er die Halme bei Laune halten. Sogenannte Wachstumsregulatoren sollen verhindern, daß die Pflanzen im Dauerschatten "längliche, dünne Grasblätter" bilden. Über die Zusammensetzung dieser Chemikalien hüllt sich John N. Rogers in Schweigen – die Michigan University wolle "die Regulatoren zum Patent anmelden".

Beim World Cup USA sind rund 25 gross people, so nennen sich die Hüter der Halme, mit der Pflege der Fußballfelder betraut. In acht der neun Austragungsstätten haben sie für die WM-Spiele neue Rasen gelegt; fünf Millionen Dollar haben sich das die Veranstalter kosten lassen. Auf Kentucky bluegrass wird vor allem in den nördlicheren WM-Städten wie Chicago, Boston und San Francisco gekickt. Im Finalstadion Rose Bowl bei Los Angeles sowie in Dallas und Orlando hingegen werden die Spieler ihre Pässe auf Bermuda gross schlagen. Dieses Hundszahngras wächst etwa in Mittelmeerländern, im kalten Deutschland ist es eine botanische Rarität. Für Fußball sei dieses graugrüne Gras nicht ideal, urteilt der deutsche Experte Clemens Mehnert, weil die Stollen "größere Stücke rausreißen könnten. Doch in heißen Ländern bleibt kein anderes Gras übrig."