In Nachschlagewerken zu Widerstand und Exil wie auch in allgemeinen Lexika ist sein Name durchaus enthalten. Und doch ist Hellmut von Gerlach heute weitgehend vergessen.

Die Bedeutung dieses Demokraten, Republikaners und Pazifisten hat Carl von Ossietzky als Chefredakteur beschrieben, als er wegen vorgeblichen Landesverrats in der Weltbühne eine Haftstrafe antrat: „Die politische Leitung wird Hellmut von Gerlach übernehmen, der uns seine reiche Erfahrung zur Verfügung stellt und durch eine ehrenvolle, niemals durch Konzessionen befleckte Vergangenheit die Garantie gibt, daß an der Haltung der Weltbühne nichts geändert wird. Vor mehr als dreißig Jahren begründete Siegfried Jacobsohn in der Welt am Montag unter Hellmut von Gerlach seinen Ruf als Theaterkritiker. Vor mehr als zwanzig Jahren bildete ich als blutjunger Mensch meine ersten Arbeiten an seinem Beispiel.“

Aber Gerlach gebührt nicht nur als langjährigem Chefredakteur der republikanisch-demokratischen Welt am Montag und Mentor später berühmt gewordener Publizisten ein Ehrenblatt in der Pressegeschichte. Sein Lebensweg von 1866 bis zum Tod 1935 im politischen Exil war der eines späten Aufklärers aus dem 19. Jahrhundert. Er führte diesen Edelmann aus Gesinnung vom erstarrten Feudalmilieu, dem er entstammte, zum konsequenten Verfechter der Menschenrechte und des Pazifismus.

Vor dem Ersten Weltkrieg tritt er als Journalist für die Ideen des liberalen Freisinns ein; sein Pazifismus wird im Kriege folgerichtig radikal; und ebenso schlüssig sieht ihn die Republik von Weimar unerbittlich gegen die Feinde dieser Republik auf der Rechten. Für kurze Zeiten stellt er sich der Politik zur Verfügung, ist vor dem Krieg Mitglied des Reichstages, gehört nach dem Krieg der Exekutive an – Entscheidungen eines Journalisten aus Pflicht- und Verantwortungsgefühl, wozu auch seine Arbeit in der Deutschen Friedensgesellschaft und der Liga für Menschenrechte gehören. Herkunft und Beruf geben seinem Wirken Weite. Der polyglotte Journalist ist auch von daher den nationalsozialistischen Versuchungen seiner Zeit nie erlegen. Alles in allem war er der natürliche Feind der Nazis, denen er 1933 mit knapper Not entkommen konnte.

Es macht also und gerade heute Sinn, an Hellmut von Gerlach zu erinnern, wie es der Donat Verlag in Bremen mit der Neuauflage von zwei seiner Schriften in dem hier anzuzeigenden Buch tut. Den Ersten Weltkrieg als „Die große Zeit der Lüge“ beschreiben achtzehn kurze Kapitel, wie sie die Weltbühne im Nachkriegsjahrzehnt druckte. Sein 1921 geschriebener Essay setzt sich mit einem halben Jahrhundert deutscher Mentalität seit der Bismarckschen Reichsgründung von 1871 auseinander, sucht ihre Ursachen zu ergründen.

Beide Schriften aus der ersten Republik wirken in ihrer unverkrampften Sprache auf den Leser von heute völlig staubfrei. Die knappen Kapitel in „Die große Zeit der Lüge“ haben die Frische der Hebeischen Kalendergeschichten; wie sie führen sie vom persönlich Erlebten und der Anekdote zur Konklusion, die zur Geschichte geworden ist.

Zwei lesenswerte Beiträge am Anfang und Ende des Buches erhellen dem Leser Leben und Wirken des Hellmut von Gerlach. Adolf Wild beschreibt ihn als Demokraten mit jenem nüchternen Sinn, der seine Inneneinsichten zum Ersten Weltkrieg zur so überzeugenden Lektüre gemacht hat und noch heute sein läßt. Von Walter Fabian, dem vor einigen Jahren gestorbenen Zeitgenossen und Weggefährten Hellmut von Gerlachs, sind so aufschlußreiche wie anrührende Erinnerungen an diesen aufrechten Mann nachzulesen.