Von Eleonore Büning

Wenn das Licht im Saal wegdimmt, wenn das Murmeln verebbt, wenn sich plötzlich alle Augen dem Podium zuwenden und der kleinen Seitentüre, die sich gleich öffnen wird für den Auftritt des großen Pianisten, dann ist es wieder an der Zeit für ein archaisches Opferritual. Es ist dies eines der seltsamsten Rituale der abendländischen Zivilisation: ein Klavierabend. Ein einzelner opfert sich für alle. Er verausgabt sich körperlich, er veräußert sich seelisch. Er kehrt, in schöner Anstrengung, seine innigsten Gefühle heraus und legt sie in zuweilen nur eine Taste, einen Finger. Und tausend Voyeure sitzen stumm dabei und laben sich daran. Dabei sind zwei der wichtigsten Voraussetzungen für dieses Ritual irgendwann und irgendwo im Verlauf der letzten eineinhalb Jahrhunderte völlig aus dem Blickfeld geraten. Sie widersprechen sich ein bißchen und lauten, erstens: Eine Klaviersonate ist eigentlich kein Stück für den öffentlichen Konzertsaal. Zweitens: Auch Beethoven war in erster Linie Pianist.

Sonaten gehören zur Haus- und Kammermusik. Man spielt sie daheim für sich, im Salon, en famille oder vor kleinem Kreis. Eine Sonate, zumal die Klaviersonate, ist eine private Affäre. Sie geht niemanden etwas an, außer den, der sie gerade für sich spielt. Sie wurden viel gespielt. "Sonate, que me veux-tu?" soll Fontenelle unwillig ausgerufen haben, Rousseau zitierte ihn, berühmtes Mißverständnis – und die Musikkritik in ihren ersten Anfängen, wenn sie den Liebhabern eine neue Sonate von Hummel, Kalkbrenner, Weber oder Beethoven anzuzeigen hatte, versäumte es nie, auch etwas über den Schwierigkeitsgrad und einige praktische Tips für die Ausführung mitzuteilen. Man wandte sich an den aktiven Spieler, nicht an passive Hörer. Erst mit Beethovens Sonaten cis-moll op. 27,2 und f-moll op. 57 kam dann die Gewohnheit auf, Klaviersonaten öffentlich im Konzertsaal vor großem Publikum aufzuführen. Vielleicht haben just aus diesem Grunde diese beiden Sonaten posthum als erste ihre populären Beinamen erhalten: die "Mondscheinsonate" und die "Appassionata".

Rund zweitausendzweihundert Zuhörer sitzen in der Berliner Philharmonie, das Haus ist bis hin zu den Sonder- und Ehrenplätzen restlos ausverkauft, denn heute abend spielt Maurizio Pollini die "Mondscheinsonate". Sie steht als viertes und letztes Stück auf dem Programm, und er spielt sie so, als wolle er sich sowohl das Publikum wie auch diese Sonate möglichst rasch wieder vom Halse schaffen. Der Pianist ist in ungewohnt schlechter Tagesform. Das Publikum allerdings auch. Es raschelt ihm in die Pausen hinein, es knistert und hustet und schnupft. Einerseits natürlich, weil Januar ist: Erkältungszeit. Andererseits, weil der große Virtuose, das war von Anfang an deutlich zu spüren, heute nacht so gar keine Neigung zeigt, sein Herz auf den Tisch des Hauses zu legen.

Er hat die Andante-Variationen der As-dur-Sonate op. 26 so stoisch korrekt vorgetragen wie ein Buchhalter die Bilanzen. Er ist hastig durch die schnellen Sätze gesaust, er ging kalt und exakt durch die langsamen. Nach der Pause wird es nicht besser. Das einfache Etudenthema der Esdur-Sonate op. 27,1 (einmal die Leiter hinauf, einmal wieder runter) klingt heute abend beinahe bösartig dumm. O ja, das ist ein sehr dummes, albernes Thema! Seltsam, daß man das vorher nie so ungemütlich deutlich gehört hat. Auch nicht, was später damit passiert, und erst recht nicht die verrückt schnellen, die brutal gehämmerten Finger-Übungen, die dann im vierten Satz losprasseln, der nichts Tänzerisches mehr hat und nur falschen Trost bereithält am Schluß.

Dann endlich der unverwüstliche, der kollektiv geliebte Klassikschlager "Quasi una fantasia", cismoll. Weit und breit kein Mondschein in Sicht, keine zart klagende Äolsharfe, keine Liebe, kein Gesang und kein Gemüt, nur wieder diese kühlgeschäftige Eile gleich im ersten Satz. Pollini spielt ihn vorschriftsmäßig alla breve. Er steht stur auf dem Pedal. Beginnt mit dem zweiten Satz subito attacca schon im Nachhall des letzten Tones des ersten, und ins Finale geht er mit einem so scharfen Tempo, wie es durchzuhalten gewiß menschenunmöglich sein muß. Dies Presto ist eine der teuflischsten Pianorennstrecken, auf der schon immer ein bißchen gehudelt und gemogelt wurde. Selbst große alte Beethoven-Interpreten wie Kempff oder Arrau, ja sogar die schnellsten wie Arthur Schnabel, haben mitten in der Durchführung dieses Satzes das Tempo wieder zurücknehmen oder aber Verspieler in Kauf nehmen müssen – oder aber auch einfach vorsichtiger angefangen, um dann den Geschwindigkeitsrausch erst richtig aufbauen zu können.

Hier aber, heute abend, spielt Pollini, der Perfektionist. Er mogelt nie. Er hält sein Tempo durch wie eine Maschine, bis zur langen Fermate vor der Coda. Er ist der schnellste aller Klavierroboter: unfehlbar, makellos. Donnernder Applaus.