Von Helga Hirsch

Warschau

Geschichte läßt sich nicht mythologisieren. Zumindest nicht vollständig. Irgendwann kommen Söhne und Töchter oder Enkel, die die Tabus nicht mehr respektieren wollen oder sie – weil ihnen der geschichtliche Hintergrund der Eltern und Großeltern fehlt – ganz einfach unabsichtlich verletzen.

Auch der junge Journalist Michal Cichy von der Gazeta Wyborcza, Polens größter Tageszeitung, dürfte nicht gewußt haben, welchen Stein er ins Rollen brachte. So ganz nebenbei – in einer Rezension – warf er der polnischen Untergrundorganisation im Zweiten Weltkrieg, Heimatarmee – AK, vor, sie hätte während des Warschauer Aufstands 1944 auch Juden ermordet: „Eine Menge von Überlebenden aus dem Ghetto“, schrieb der in Geschichte nicht besonders kenntnisreiche Kulturredakteur – und erntete neben Kritik an ungerechtfertigten Verallgemeinerung Beschimpfungen für seine „antipolnische“ Haltung.

Nur einzelne abgebrühte Erpresser im polnischen Untergrund hätten die Juden verfolgt, empörte sich die Vereinigung der Soldaten aus der Heimatarmee. Die Organisation hingegen habe „nicht nur für die Freiheit des ganzen Volkes gekämpft, sondern mit den Juden zusammengearbeitet und ihnen im Kampf geholfen“. Der verleumderische Zeitungsartikel besudele das Andenken an Tausende von Kämpfern, schrieb ein ehemaliger AK-Soldat.

Michal Cichy geriet unter starken Rechtfertigungsdruck. Er ging in Institute und Archive und sammelte Beweise. Doch erscheinen konnte sein mit zahlreichen Fakten untermauerter Text erst, nachdem die Redaktion tagelang erbittert darüber diskutiert hatte, ob das Thema überhaupt öffentlich weiterzuverfolgen sei – ausgerechnet in diesem Jahr, in dem sich der Warschauer Aufstand zur Befreiung der Stadt von den Deutschen zum fünfzigsten Mal jährt. Dann hatte Chefredakteur Adam Michnik in einem pädagogisch-vermittelnden Begleittext beschieden: „Ich denke, daß die Fähigkeit, sich mit den dunklen Episoden des eigenen Erbes zu konfrontieren, für jedes Volk ein Prüfstein für die demokratische Reife ist. Meiner Meinung nach sind die Polen reif für die Demokratie, sie haben das Recht, die ganze Wahrheit über die eigene Vergangenheit zu wissen.“

Aber was ist die ganze Wahrheit über das polnisch-jüdische Verhältnis im Zweiten Weltkrieg? Was wurde bisher verschwiegen? Für viele Juden sind die Polen ein Volk von Antisemiten, sie hätten gleichgültig auf den Völkermord reagiert oder ihn sogar billigend in Kauf genommen.