Von Wolfgang Köhler

Die Affäre um die Balsam AG entpuppt sich mehr und mehr als Kriminalgroteske mit prominenten Darstellern und katastrophalem Ausgang. Jahrelang erwirtschaftete der Sportboden- und Kunstrasenhersteller aus dem niedersächsischen Steinhagen in seinem normalen Geschäftsbetrieb nur Verluste. Von Fehlbeträgen in Höhe von „durchschnittlich 80 Millionen Mark jährlich“ ist bei der Bielefelder Staatsanwaltschaft die Rede. Um die Lücken zu schließen, besorgte sich das Unternehmen Geld bei der Procedo Gesellschaft für Exportfactoring D. Klingworth mbH.

Dabei verkaufte Balsam – in zunehmendem Umfang künstlich aufgeblähte und gefälschte – Kundenforderungen gegen Bargeld an Procedo. Bei einem Konzernumsatz von 364 Millionen Mark (1992) summierten sich die Forderungsabtretungen an die Procedo am Ende auf ein Volumen von rund 1,7 Milliarden Mark. Zusätzlich lieh sich Balsam-Finanzvorstand Klaus Schlienkamp auch noch bei diversen Banken reichlich Bares. Und weder die anderen Vorstandsmitglieder noch der Aufsichtsrat, weder Mitinhaber noch Geschäftspartner oder Wirtschaftsprüfer wollen bemerkt haben, daß in der Finanzabteilung der Niedersachsen nicht alles mit rechten Dingen zuging.

Dabei spielen in dem Stück durchaus hochkarätige Darsteller tragende Rollen. Neben dem Gründer und Hauptaktionär Friedel Balsam ist die WFG Deutsche Gesellschaft für Wagniskapital mbH (Gesellschafter: Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank, WestLB, Bayerische Landesbank) an Balsam beteiligt und mit ihrem Geschäftsführer Karl-Heinz Fanselow im Balsam-Aufsichtsrat vertreten. Doch von den kriminellen Machenschaften des Finanzvorstands Schlienkamp will er genausowenig etwas bemerkt haben wie Friedel Balsam. Die Hauptgeschädigte Procedo GmbH gehört zur Hälfte der Allgemeinen Kreditversicherung AG (Hauptaktionäre: Allianz Versicherung und Münchener Rückversicherung). Obwohl Versicherer grundsätzlich jede Risikoanhäufung zu vermeiden suchen, ließ AKV-Vorstandschef Hubert Beuter in seiner Eigenschaft als Procedo-Aufsichtsrat zu, daß seine Tochtergesellschaft fast die Hälfte ihres Geschäftsvolumens mit einem einzigen Kunden abwickelt: der Balsam AG. Zumindest diese Risiko-Konzentration, betont ein Procedo-Sprecher, war allen maßgeblichen Akteuren bekannt.

Auch die Finanziers der Procedo-Geschäfte, zu denen fast alle namhaften deutschen Banken zählen, nahmen daran keinen Anstoß, obwohl viele von ihnen gleichzeitig auch noch der Balsam AG direkt Kredite einräumten. Weder Deutsche noch Dresdner Bank bemerkten dabei, daß sie sich ihre Kredite an die Balsam AG durch eine Globalabtretung von Forderungen absichern ließen und gleichzeitig den Ankauf derselben Kundenforderungen durch die Procedo finanzierten.

Procedo und Balsam waren auch noch auf andere Weise miteinander verbunden. So tauchen unter den Namen mehrerer Privat-Gesellschafter der Procedo auch die Balsam-Vorstände Friedel Balsam und Klaus Schlienkamp wieder auf. Überdies soll die Procedo-Verwaltung in einem Wiesbadener Gebäude residieren, das unter anderem Friedel Balsam, Klaus Schlienkamp und der Ehefrau des AKV-Chefs Hubert Beuter gehört. Und beide Gesellschaften ließen ihre Jahresabschlüsse von derselben Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Price Waterhouse, absegnen, deren Mitarbeiter Rolf Muscat nicht nur die Procedo-Bilanzen testierte, sondern auch einigen Procedo-Vorständen und -Gesellschaftern als Steuerberater zu Diensten gewesen sein soll.

Der Liste der Merkwürdigkeiten und der Prominenz der Darsteller in diesem Schauspiel entspricht die Höhe des angerichteten Schadens. Die Balsam AG hat bereits Konkurs angemeldet, ihre Gläubiger, darunter Banken mit Forderungen in dreistelliger Millionenhöhe, dürften leer ausgehen. Inwieweit sich Deutsche und Dresdner Bank aus der globalen Forderungsabtretung schadlos halten können, ist sachlich und juristisch noch umstritten.