Elfriede Jelinek

Wien

Alle Begierden, weiter in diese lichte Ferne zu wandern, warm dazuliegen unter diesem zauberhaften blauen Himmel, sind jetzt erfüllt. Ein Bild erscheint zögernd, hervorgelockt. Der Strom horcht in den Apparat, dann erfüllt er ihn ganz: Es ist kaum zu glauben, aber in diese himmlische warme Götterlandschaft sind sie mit Luftschiffen gekommen, um einander mit ihren weichen weißen Armen zu umschlingen, eine Gruppe Götter, die einander, sterbend vor Entzücken, an Hälsen und Gliedmaßen, empfinden lassen, wie wunderbar wie wunderbar ihre Taten gewesen sind, sie sterben vor Entzücken! Sie horchen einen Augenblick, es ist ein rechter Genuß – nein, diese Töne, diese himmlischen Töne aus den aufsteigenden Reihen, die die Menschen aus ihren Hälsen absondern wie Luftperlen! Leise schütteln die Tiere die Köpfe beim Grasen auf diesen herrlichen Matten.

Ich kann es kaum glauben, da hängen schon wieder fünf Männer aneinander, Väter darunter und Söhne, ihre Lippen tasten nach der Haut ihrer Kameraden, süßer Schweiß unter der Zunge, bald wird ein köstlicher Schwall Wasser über sie hinziehen, doch halt, nein, wieder zurück, der Spieler stand total im Abseits, wird mir eben angedeutet, der Priester hebt einen Finger, uns ist auf einmal, als spazierten wir in einem hübschen Schlagerlied herum, das nur den einen Nachteil hat, daß wir es selber gemacht haben; na ja, ein Dichter ist kein Berichterstatter: und diese ganze Herrlichkeit, die meine Ohren und Augen getrunken haben, wird wieder zurückgestopft in den Hahn; zornig saugt eine riesenhafte Menge an dem Strohhalm, zu dem sie vorhin gegriffen hat, war da nicht ein Geräusch, nein, da war kein Geräusch. Diese Götterknaben haben nur den Reiniger ins Becken geschüttet, es zischt, weil wir dadurch leider eine Störung haben.

Von den Weiden tönen die Glocken jetzt lauter, und diese Boten, die sich die immense Mühe gemacht haben, ihre großen Körper, ihre Titanen Trikots, ihre leuchtend wie Fische an die Oberfläche schnellenden und dort ein wenig herumspielenden Muskeln eigenhändig in unsere Fernsehapparate zu tragen und dort auch zu montieren, fallen jetzt über einen kleinen schwarzgekleideten Menschen her, o je, unser Stellvertreter ists auf Erden, die wir ja auch nie mit etwas zufrieden sind: es ist uns das Falsche geliefert worden! Wohin wir auch schauen, wir dürfen nicht einfach alle vierundzwanzig oder wieviele es halt sind verkörpern, wir müssen uns einen aussuchen! Das macht aber nichts.

Wir trinken diese wunderbaren jungen Männer mit unseren Augen und Ohren, doch sie verschwinden davon nicht, sie erhalten, jeder in Gold, unser Gesicht und werden davon selber geprägt: In der Ferne wir. In der Nähe wir. Dazwischen auch wir. Die Schlucht trägt geduldig die Berge, und diese Menschen, die immer grüner und schöner werden, tragen in den warmen Sonnenschein den Ball hinein. Sie sind sich nicht zu schade, ihr Beginnen noch ein zweites Mal, diesmal in Zeitlupe, anzufangen! Ich bin weg.

Günter Ohnemus