Von Wolfgang Zank

Senator Henry Cabot Lodge hatte gewarnt: Dieses Gesetz werde unvermeidlich in großem Umfang gebrochen werden und zu einem Anstieg der Kriminalität führen. Die vorgesehenen Maßnahmen seien „das überhaupt Schlechteste, was man tun könnte, um Mäßigung und totale Abstinenz unter der Bevölkerung zu fördern“. Doch nur wenige seiner Kollegen hörten hin, und am 30. Juli 1917 verabschiedete der US-Senat mit 65 zu 20 Stimmen den sogenannten 18. Verfassungszusatz. Demzufolge war ein Jahr nach abgeschlossenem Ratifikationsverfahren „die Herstellung, der Verkauf oder der Transport von berauschenden alkoholischen Getränken innerhalb der Vereinigten Staaten verboten, desgleichen der Import oder die Ausfuhr derselben“. Am 16. Januar 1920 trat der 18. Verfassungszusatz in Kraft, Amerikas Prohibitionszeit begann.

Das Alkoholverbot war vor allem ein Sieg des ländlichen Amerika. Die Lebensbedingungen auf dem Lande waren hart; viele Farmer fanden ihren einzigen Trost in der Gewißheit, als getreue Kinder Gottes zu sterben. Und Alkohol war für sie nicht nur Sünde, er war eine manifeste Gefahr. Vor allem die Frauen lernten den Saloon hassen, wenn sie allein mit ihren Kindern auf der Farm waren und wußten, daß der Mann das wenige Geld der Familie über den Tresen schob. Und bei kaltem Wetter konnte der lange Heimweg zur abgelegenen Farm für den betrunkenen Gatten lebensgefährlich werden.

Da fielen die Donnerpredigten fundamentalistischer Kirchenmänner auf fruchtbaren Boden. Ein Beispiel: „Kriecht aus dem schleimigen Schlamm, ihr ertrunkenen Trinker, und mit den von der Erstickung blauen und fahlen Lippen sprecht aus gegen das Trinken.“ Die Kämpfer wider den Alkohol untermauerten ihre Texte systematisch mit medizinischen Argumenten. Dabei vermochten sie allerdings nicht immer scharf zwischen Fakten und Hypothesen zu trennen. Beispielsweise berichteten sie ihren erschreckten Zuhörern, nicht wenige Trinker seien durch Selbstentzündung umgekommen. Der viele Alkohol würde sich im Körper sammeln, und irgendwann könnte er sich dann eben entzünden, wobei bläuliche Flammen aus dem Munde des Unglücklichen schlügen. Es war für die Antialkoholisten erwiesen, daß im Zustand der Trunkenheit gezeugte Kinder mental geschädigt zur Welt kämen, weil der im Körper zirkulierende Alkohol auch den männlichen Samen angreifen würde. Schon ein Glas Bier sei eine tödliche Gefahr, weil es seinen Konsumenten – sozusagen als Einstiegsdroge – unweigerlich in die totale Abhängigkeit führe.

In den Südstaaten kamen die Angst und der Haß vieler Weißer gegen die Schwarzen hinzu. Hunderte von Schwarzen wurden Opfer brutaler Lynchjustiz. Rassistische Alkoholgegner wie Reverend Wilbur Fisk Crafts billigten die Morde zwar nicht, aber in ihren Augen hatten die Schwarzen sie selbst provoziert, beispielsweise weil sie weißen Frauen nachstellten. Orginalton Crafts: „Was hat denn so viele Neger in sensuelle Hyänen verwandelt? Die Seelen der schwarzen Männer wurden vom Alkohol vergiftet, und ihre Körper entsprechend mit Petroleum getränkt und verbrannt.“ Manche Weiße argumentierten, das Alkoholverbot sei auch und gerade im Interesse der Schwarzen, weil viele Lynchmorde vom alkoholisierten Mob begangen würden.

Im Kampf gegen die Droge Alkohol kam der Haß der ländlichen evangelischen Kirchen gegen die Städte zum Ausbruch. Die Städte brachten Liberale, Agnostiker und Sozialisten hervor, dort hausten Katholiken, Juden und die vielen neuen Einwanderer aus Süd- und Osteuropa. Und die ganze Verkommenheit städtischer Zivilisation schien sich aus ländlicher Perspektive im Saloon zu bündeln.

1893 gründeten Alkoholgegner in Ohio die Anti-Saloon League. Sie entwickelte sich rasch zu einer schlagkräftigen, landesweiten Organisation. Die Liga achtete auf strikte parteipolitische Neutralität, untersuchte bei Wahlen aber sehr genau, ob ein Kandidat „trocken“ oder „feucht“ war. Über das Abstimmungsverhalten in den Parlamenten führten die Ligisten genau Buch. Kandidaten, die nicht für die Schließung aller Saloons waren, wurden gnadenlos attackiert. Die Organisation hatte in der Regel keine Mehrheit hinter sich, aber die Prozente, die sie in die Waagschale warf, konnten bei annähernder Parität zwischen Demokraten und Republikanern den Ausschlag geben. Die Politiker begannen entsprechend zu taktieren. 1916 waren bereits 26 ländliche Staaten „trocken“.