Auch die kalifornischen Weinbauern waren bei Einführung der Prohibition zunächst verzweifelt, mindestens einer beging Selbstmord. Doch schon bald waren sie so wohlhabend wie zuvor. Wein galt als „fermentierter Fruchtsaft“, seine Herstellung für den eigenen Verbrauch war legal, und das eröffnete einen ganz neuen Markt. Zehntausende von Amerikanern machten sich mit den Geheimnissen der Weinproduktion vertraut. An diejenigen, die das zu mühsam fanden, verkauften die Winzer ein Traubengelee unter dem Namen Vine-Glo. Sobald man Wasser zugab, wurde daraus binnen sechzig Tagen ein starker Tafelwein. Alles in allem stieg der Weinkonsum während der Prohibitionszeit um etwa zwei Drittel. Und auch den Hopfenbauern ging es gut.

Allgemeiner Beliebtheit erfreuten sich die vielen kleineren und größeren Destillerien, die im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden schossen. Die notwendigen Apparaturen waren nicht sehr umfangreich, und ihre Bedienung war schnell zu lernen. In einem Fall sammelten die Nachbarn Geld für eine in Not geratene Frau mit Kindern, so daß sie sich eine kleine Destillationsanlage kaufen konnte. 1921 beschlagnahmten die Behörden 96 000 illegale Destillations- und Fermentationsanlagen. 1925 waren es 173 000 und 1930 sogar 282 000.

Als Ersatz für die Saloons entstanden die speakeasies, formlose Treffpunkte im Keller oder in der ersten Etage. Verschlossene Türen mit einem Guckloch hatten die Schwingtüren des Saloons ersetzt. Die Preise waren zwei- bis zehnmal so hoch wie vorher, die Qualität erreichte nach einigen Jahren das vorherige Niveau. Die Betreiber verdienten nicht schlecht, aber die Risiken des Geschäftes zerrten an den Nerven. Zu oft kam es vor, daß Polizisten mit ihren Freunden vorbeischauten und sich vollaufen ließen, ohne zu bezahlen. Anfang der dreißiger Jahre gab es schätzungsweise 219 000 speakeasies, nur etwas weniger als Saloons, legale und unlizensierte zusammengenommen, vor der Prohibition.

Die schwierigen Geschäftsbedingungen im illegalen Handel mit alkoholischen Getränken brachten einen Unternehmertyp eigener Art hervor. Bekanntester Vertreter war Alphonse Capone, 1897 in Neapel geboren, dann aber vorwiegend in Chicago tätig. Seine Geschäftsinteressen waren weitverzweigt. Um 1930 soll er allein beim Bierhandel einen Umsatz von sechzig bis hundert Millionen Dollar gemacht haben. Er organisierte die Einfuhr, die Produktion und den Vertrieb in großem Stil. Speakeasy-Besitzer, kleinere Händler und Bordellbetreiber zahlten regelmäßig Abgaben an ihn, und er sorgte mit seinen rund 500 Mitarbeitern für den Schutz vor Kriminellen und Polizisten.

Nach Polizeischätzungen hatte Al Capone mehrere hundert Morde zu verantworten. Meistens traf es Konkurrenten und deren Mitarbeiter. Kein Mord konnte ihm allerdings nachgewiesen werden. 1926 kaufte Capone sich ein weißgekalktes, hochherrschaftliches Haus auf Palm Island vor Miami als Winterresidenz. Er ließ eine Mauer herumziehen, einen Swimmingpool in olympischen Dimensionen bauen und einen tropischen Garten pflanzen. Staatsanwalt William H. McSwiggin erklärte, er werde nicht ruhen, bevor er Capone hängen sehe. Doch am 27. April brachten Schüsse aus Maschinenpistolen den Staatsanwalt zum Schweigen.

1927 kamen Capone unerfreuliche Nachrichten zu Ohren. Mehrere von seinen Lastwagen waren auf dem Weg vom New Yorker Hafen nach Chicago gekapert worden. Als Initiator kam nur sein alter Partner Frankie Yale in Frage, der Vorsitzende der Unione Siciliana mit Sitz in Brooklyn. Am 24. Juni 1928 wurde Yale durch einen Anruf aufgeschreckt, seiner Frau sei etwas passiert. Er stürzte sich alleine in seinen nagelneuen Lincoln; der Wagen war schon gepanzert, aber die schußsicheren Scheiben sollten erst am nächsten Tag eingebaut werden. Auf der Fahrt wurde Yale von einem schwarzen Buick mit vier Insassen überholt. Eine Serie von Schrotschüssen und eine Salve aus einer Maschinenpistole deformierten Yales Körper bis zur Unkenntlichkeit. Seine Überreste wurden am 5. Juli in einem pompösen Zug zum Holy-Cross-Friedhof gebracht. Al Capone stand unmittelbar am Grab, als der Sarg herabgelassen wurde. Er hatte Tränen in den Augen, seine Lippen bebten. „Frankie, wie konnten sie so etwas mit dir machen“, murmelte er. „Kommt, laßt uns gehen, das ist zu viel für mich.“ Erschüttert verließ er den Friedhof, begleitet von seinen vier Mitarbeitern Jack „Machine Gun“ McGurns, Fred „Killer“ Burke, John Scalise und Albert Anselmi, alle in Trauerkleidung.

Al Capone wurde 1931 wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Steuerdelikte fielen in die Kompetenz des Bundes, und weder Ermittler noch Richter ließen sich kaufen. Konsterniert mußte Capone mitansehen, wie ein Indiz nach dem anderen präsentiert wurde, kein Zeuge fiel um. Das Urteil lautete auf elf Jahre Zuchthaus. Wegen ruinierter Gesundheit wurde er 1939 entlassen, sein Konzern war verfallen. Er starb 1947.