Ach ja, dann hatten wir da noch das Absolute. Welch eine Kategorie. Der Geisteswissenschaft längst abhanden gekommen, kehrt der begriffliche Fluchtpunkt deutscher Denkanstrengungen vergangener Jahrhunderte nun in Form eines geistigen Getränks wieder. Das ist pures Geistes-Recycling. Das Absolute wagt heutzutage keiner mehr zu. denken, es sei denn, im Kopf erhitzt von einer Flasche kühlen Wodkas...

In unserer unspirituellen Zeit bietet die Wodkaflasche jenen einen letzten Halt, die vom Absoluten nicht lassen können. Kaufe Wodka und du greifst den Geist, den du begleichst, wie Goethe so schön sagte. Eine abendländische Version vom Geist in der Flasche weht dich pneumatisch an, ein Stückchen Transzendenz ragt in die profane Welt herein. Dem Trinker ist sein Wodka so heilig wie dem Papst sein Sanctus Spiritus, wie dem Denker seine geistige Klarheit.

Wunderlich ist der Zusammenhang von geistiger Betätigung und geistigem Getränk: Wer kein Berufsphilosoph, sondern ein normaler Mensch ist, philosophiert in der Regel nur in betrunkenem Zustand. Diese Tatsache wirft ein schlechtes Licht auf die Philosophie.

Während der Alkohol das Gehirn vergiftet, reinigt er den Geist von seiner Verstricktheit ins Konkrete und läßt Abstraktes über die gelöste Zunge fließen. Mit abnehmender Unterscheidungsfähigkeit der Sinne nimmt die Allgemeinheit der im Gespräch verwendeten Kategorien zu. Geistige Wasser erlösen das Denken von der Last des Besonderen. So tritt das Absolute mehr und mehr hervor. Die Lehre Plotins, die höchsten Ideen seien nur um den Preis der Abtötung des Leibes zu haben, kann sich nach einer Flasche bewahrheiten.

Allgemeinbegriffe und Schnäpse haben gemeinsam, daß es sich um Destillate handelt. Um sich in die Sphäre des Geistigen zu erheben, muß das Stoffliche, das Irdische und alles Vermischte abgestreift werden. Erhitzung bewirkt Verdampfung, ein natürliches Ausgangsmaterial geht über in einen gasförmigen, scheinbar nichtmateriellen Zustand. Gasförmig sind die Stoffe dem Geistigen am nächsten, so daß es niemanden wundern muß, wenn durch die nachfolgende Kondensation ein reiner Geist sich wieder in der Flasche fängt.

Seine Farblosigkeit läßt den Wodka als Repräsentanten aller Mythologien der Klärung, Reinheit und Substantialität erscheinen, die den Alkohol umranken. Wodka ist die Materialisierung des Geistes schlechthin, und das Absolute ist des Geistes höchste Kategorie. Nur Wodka ist so transparent wie der menschliche Geist in seinen angestrengtesten Minuten. Man nehme einige Gläser clare et distincte, und schon schwillt das Selbstbewußtsein zum cogito ergo sum. Die Durchsichtigkeit des Wodkas steht für die Unsichtbarkeit des Geistes gerade so, wie das Leintuch des Nachtgespensts für dessen Unstofflichkeit steht. Die Transparenz widerstreitet dem Verdacht, daß der Alkohol die Sicht auf die Wahrheit trübe. Die höchste Wahrheit nämlich kann nur im Allgemeinen liegen, wo das Viele jenem Einen weicht, das das Absolute ist.

Das Absolute ist unabhängig von den Weisen seiner Erscheinung, etwa als Original oder als Fax. Die Faxmaschine gleicht in ihrer Funktion der Maschine des Schnapsbrenners verblüffend. Man schiebt etwas Materielles hinein, dieses wird entmaterialisiert und kommt am anderen Ende wieder als materialisierter Geist in die reale Welt zurück.