Das gab es noch nie und nirgendwo. Wenn es um den Umweltschutz geht, läßt sich ausgerechnet das größte Entwicklungsland auf dem Planeten, lassen sich ausgerechnet die kommunistischen Machthaber in Peking von einem hochkarätigen Zirkel internationaler Experten beraten. Seit gut zwei Jahren debattiert das Gremium regelmäßig darüber, wie die ungestüme Wirtschaftsentwicklung der volkreichsten Nation der Erde in Einklang mit der Natur gesteuert werden kann. Sein holpriger, aber vielversprechender Name: China Rat für internationale Zusammenarbeit bei Entwicklung und Umwelt, kurz China Council.

An der heiklen Aufgabe beteiligen sich neben chinesischen Spitzenfunktionären unter anderem der Präsident des World Resources Institute, der Generaldirektor des Wpfld Wide Füijid for Näture (WWF), der frühere Präsident der Weltbank, ein Spitzenbeamter aus dem holländischen Umweltministerium und Volkmar Köhler, der Entwicklungsexperte der Bonner CDU. Der Koordinator des Gremiums heißt Martin Lees, stand bis 1988 in Diensten der Vereinten Nationen, nennt sich seither internationaler Consultant und ist auch beim Club of Rome aktiv.

Die Offenheit der chinesischen Regierung hat ihren Grund: "Kein anderes Land", schrieb Martin Lees in eines der Sitzungsprotokolle des China Council, "ist mit so großen Umweltproblemen konfrontiert wie China Der Aufbruch von 1 2 Milliarden Menschen in die Neuzeit hat einen fast unvorstellbaren Preis. Gnadenloser als sonst irgendwo fallen Natur und menschliche Gesundheit dem Fortschritt zum Opfer.

Die chinesischen Gewässer sind vergiftet - mit Ölprodukten, chlorierten Kohlenwasserstoffen, Zyaniden, Arsen und Schwermetallen. Von 532 untersuchten Flüssen mußte die chinesische Umweltschutzagentur Nepa 436 als belastet einstufen. Der Jangtse, mit 8800 Kilometern der längste Fluß des Landes, gilt nur noch auf zwanzig Kilometern als unbelastet. Von den 35 größeren chinesischen Seen sind siebzehn "sehr belastet", wurde bei einem deutsch chinesischen Umweltschutzmeeting Anfang des Jahres in Bergheim berichtet. Für den häuslichen Gebrauch ist ein Viertel des Fluß- oder Seewassers längst nicht mehr tauglich. Und selbst das Grundwasser ist verseucht - durch Müll, der unkontrolliert in die Natur gekippt wird. Allein in und um Peking gibt es rund 5000 wilde Müllkippen. Rund um die Flußmündungen ist der Fang von Fischen und Krabben wegen der Verschmutzungen bereits rapide zurückgegangen. Die Menge der jährlich gefangenen Süßwasserfische hat sich seit den fünfziger Jahren mehr als halbiert. Die Fischproduktion im Jangtse ist seit den siebziger Jahren um dramatische 95 Prozent zurückgegangen.

Die Luftverschmutzung ist chronisch. Der rasch wachsende Energiebedarf des Landes wird zu 73 Prozent durch stärk schwefelhaltige Kohle gedeckt. Staub- und Schwefeldioxidemissionen liegen weit oberhalb internationaler Standards, obwohl das Heizen in den südlichen Landesteilen per Verordnung verboten ist, um Energie zu sparen. Manche chinesische Stadt, beispielsweise Benxi im Norden des Landes, entzieht sich regelmäßig den scharfen Augen der Satellitenkameras - die Luft ist zu verdreckt.

Der Umweltfrevel fordert einen fast unvorstellbaren Tribut - von der Bevölkerung wie von der Wirtschaft. Vierzig Prozent aller von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgestellten Hepatitis B Erkrankungen treten in China auf. Von 250000 tödlich verlaufenen Leberkrebs Fällen wurden 100 000 in China registriert. Atemwegserkrankungen sind zu einer der häufigsten Todesursachen geworden. Rund ein Viertel aller Chinesen sterben daran.

Das Leiden von Mensch und Natur kostet nach offiziellen Angaben rund sieben Prozent des chinesischen Sozialprodukts, doppelt soviel wie in den Industrienationen. Und dennoch sind unabhängige Experten davon überzeugt, daß die Ziffer geschönt ist. Vaclav Smil, Universitätsprofessor in Kanada und Autor eines schockierenden Reports über Chinas Umweltkrise, rechnet mit Kosten in Höhe von mindestens fünfzehn Prozent - und Besserung ist nicht in Sicht "Die Umweltsituation wird sich weiter verschlimmern", heißt es in einem Dokument des China Council vom Frühjahr 1992. Ein Fünftel der Menschheit steuert in die Umweltkatastrophe.