ARD, Donnerstag, 9. Juni: „Die Umschulung“

Der zeitgenössische Dokumentarfilm oder die Reportage, sie interpretieren das Material, das sie vorführen, nicht mehr, sie überlassen es ganz dem Zuschauer, was er davon halten will. Oder? Natürlich ist schon das Arrangement der Bilder, sind Schnitt und Kameraführung Techniken, die einem Film mit der Gestalt auch eine Bedeutung geben; es kann sich aber das subjektive Meinen des Filmemachers so weit aus seinem Produkt zurückziehen, daß die Anordnung, zu der seine Bilder gefunden haben, wie eine immanente Notwendigkeit erscheint, fast als hätte der Stoff eine eigene Absicht umgesetzt.

Nach der langen, lauten Zeit der Enthüllung, Überredung, Aufklärung mit der Kamera wirkt diese neue Zurückhaltung wie eine Wohltat. Endlich kriegt man nicht mehr dazugesagt, wie man denken und urteilen soll, endlich ist auch der Dokumentarfilm ein Phänomen, bevor er ein Beweis ist. Man kann ihn sich reinziehen wie einen Spielfilm und fühlt sich hinterher zuweilen nicht schlecht aufgeklärt.

Einen Dokumentarfilm dieser neuen Art lieferte Harun Farocki mit „Die Umschulung“. Es geht – man ahnt es, wenn man den Titel hört – um Bürger der neuen Bundesländer, die sich in die Marktwirtschaft ja erst einüben müssen. So wissen sie oft nicht, was Verkaufen eigentlich ist. Mitarbeiter der Baufirmen Renova, Dresden, und Ausbau, Pirna, beide von der Konz-Gruppe, Stuttgart, übernommen, sollen in einem viertägigen Seminar lernen, wie man ein Verkaufsgespräch zum erfolgreichen Abschluß führt.

„Der Mensch“, sagt der Trainer und meint damit den Anbieter, „wird immer wichtiger, denn die Produkte werden immer ähnlicher.“ Wenn der Kunde das Gefühl hat, daß er respektiert und sogar ein wenig gemocht wird, dann schlägt er zu. Und wenn er feilschen will, soll man ihm Theater bieten! „Ein leichter Sieg verprellt den Kunden.“ Verkäufer, die nichts hermachen, sind nichts wert. „Es gibt Hühner- und Enteneier. Hühner gackern. Wer ißt schon Enteneier?“

Das ist nicht ironisch gemeint und auch nicht abschätzig. Für offene Ironie war ebensowenig Raum in Farockis „Umschulung“ wie für explizite Kritik, dafür war der Film zu direkt, zu nah an den Dingen. Nur was die Personen selbst an ironischen Gebärden mitbrachten, schuf Abstand und Skepsis, und das war genug. Die traurigen und hoffnungsvollen Probanden, der alerte und doch einfühlsame Trainer, der wohlmeinende Chef, die Gebirgslandschaft – das alles teilte viel mit von der klausnerischen Konzentration, die auf solchen Seminaren herrschen kann. Aber der Film ließ sich auch als Parabel verstehen auf die Ernüchterung, die sich der neuen Bundesbürger bemächtigt haben muß, als sie erfuhren: Zum Westen dazugehören, das heißt verkaufen können, und zwar vor allem sich selbst.

„Spielen wir nicht bloß Rollen?“ fragte ein Umschüler. Darauf der Trainer, sinngemäß: „Was heißt hier ‚bloß‘? Wir spielen alle immer Rollen, heute die, morgen jene, mal gerne, mal nur, weil es sein muß, mal überzeugend, mal kläglich. Aber den Schauspieler, der sich anschließend umzieht und nach Hause geht, das ‚wahre Ich‘ also, gibt es gar nicht. Wir sind unsere Rollen. Was wir lernen müssen, ist, das zu akzeptieren. Und wenn versehentlich Umsatz dabei rausspringt, ist es ja auch keine Schande.“

Barbara Sichtermann