Alles war Zufall. Daß die Ingrams zwischen London und Oxford das alte Herrenhaus Garsington Manor fanden. Daß sie dort ein Opernfestival gründeten, das exklusivste der Britischen Inseln. Daß Haydns Opern die Spezialität ihres Hauses wurden. " Chance, pure chance", meint Rosalind Ingrams lächelnd, reiner Zufall. Ein Glücksfall, sollten wir wohl besser sagen, jedenfalls für alle Besucher. Garsington liegt auf einer Anhöhe südöstlich von Oxford, nur wenige Kilometer jenseits der Arbeitervorstadt Cowley. Am Rand des Dorfes steht ein hohes Tudorhaus mit schmalen, schachtartigen Fenstern. Bis zum Dach reichen die beiden dunkelgrünen Eibenwände, die im rechten Winkel zwischen Haus und Straße einen quadratischen Vorhof bilden.

Hinter dieser strengen, stummen Fassade wartet ein üppiger Garten voller Figuren und Geschichten.

Mehr als ein Jahrzehnt lang war Garsington Manor das Bloomsbury auf dem Lande, ein literarischer Salon im Grünen.

Hier trafen sich Englands Künstler und Intellektuelle, am Pfauenthron von Lady Ottoline Morrell "Sie war eine außerordentliche Frau", sagt Rosalind Ingrams, "unbezähmbar, mutig, generös, eine gründe dame "

Lady Ottolines Augen waren türkisgrün, rotgefärbt ihre Haare, die Lippen grellrot, schneeweiß gepudert war ihre Haut. Sie trug schwere Perlenketten und lange, wehende Seidengewänder. Und erst ihre Hüte! Einer war wie ein Teewärmer, mit kleinen Igeln besetzt, ein anderer wie ein Segelschiff; noch am schlichtesten wirkten die mit Pfauenfedern. Nichts fand Lady Ottoline natürlicher, als sich exzentrisch zu kleiden. Amüsiert berichtete sie einmal, daß die Leute sie bei einem Straßenfest für einen Maibaum gehalten und um sie getanzt hätten. Ihre exaltierte, zugleich grelle und zerbrechliche Schönheit hat keiner subtiler (und boshafter) beschrieben als Virginia Woolf, oft Ottolines Gast in Garsington: "Sie hat die schlanke biegsame Gestalt einer lombardischen Pappel", notierte sie 1919, und "einen unsicheren zögernden Schritt auf der Straße, wie ein Kakadu mit verletzten Krallen". Ein anderer Besucher, Henry James, sah sie als "phantastisches heraldisches Wesen - ein Greif vielleicht oder ein geflügelter Drache". So übertrafen sich die Künstler, die sie um sich versammelte, in bizarren Beschreibungen ihrer Gastgeberin, bis sie fast gänzlich zum Kunstprodukt wurde, zur schönsten Schöpfung von Garsington.

Lady Ottoline, eine geborene Cavendish Bentinck, war eine Schwester des Herzogs von Portland. Sie kam aus einem der vornehmsten Häuser Englands, ihr Mann aus der Oxforder Brauereifamilie Morrell, deren Bier wenigstens zur gehobenen Klasse zählt. Philip Morrell war Rechtsanwalt und Abgeordneter der Liberalen. Im Frühjahr 1913 erwarben sie von einem alten Bauern Garsington Manor. Die berühmten Jours fixes, die Lady Ottoline in ihrem Haus am Bedford Square in Bloomsbury gepflegt hatte, setzte sie nun in großem Stil auf ihrem Landsitz fort.

Doch machte sich Garsington Manor im Ersten Weltkrieg zunächst als Pazifistenzentrum einen Namen. Hier traf sich eine exotische Mischung von High Society und "intellektueller Unterwelt", wie Leonard Woolf es nannte, politische Prominenz und "ein fester Stamm von Kriegsdienstverweigerern". Der Schriftsteller Lytton Strachey gehörte dazu, Virginia Woolfs Schwager, der Kunstkritiker Clive Bell, zeitweise auch Aldous Huxley. Sie waren vom Militärdienst freigestellt unter der Bedingung, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Das taten sie auf dem Hof der Morrells, die ihnen großzügig Quartier boten.