Sein Mentor und Amtsvorgänger Friedhelm Gieske favorisierte zuletzt zwar einen anderen Kandidaten für das Amt des RWE-Vorstandsvorsitzenden aber dennoch ist der in der vergangenen Woche vom RWE-Aufsichtsrat zum Gieske-Nachfolger gewählte Dietmar Kuhnt keine zweite Wahl. Der besonnene Jurist, der seit 1968 für Deutschlands mit Abstand größten Stromversorger arbeitet, bietet vielmehr die Gewähr dafür, daß der von Gieske eingeschlagene Weg zum internationalen Industriekonzern auch künftig nicht verlassen wird.

Es ist kein Geheimnis, daß Gieske und der RWE-Aufsichtsratsvorsitzende, Dresdner-Bank-Sprecher Wolfgang Roller, lieber Hans-Peter Keitel an der Spitze des Unternehmens gesehen hätten. Der Vorstandsvorsitzende der RWE-Tochter Hochtief ist sicherlich weltläufiger, aber Kuhnt hat, seit er an der Spitze der RWE Energie AG steht, deutlich an Kontur gewonnen. Gieske hatte Kuhnt 1992 zum Vorstandsvorsitzenden der Stromtochter RWE Energie AG gemacht und damit für alle sichtbar ein Signal gegeben, wen er sich als seinen Nachfolger vorstellte. Auch von Wolfgang Roller ist zu hören, daß er Kuhnt für durchaus fähig hält, das neue Amt auszufüllen.

Der jetzt 56 Jahre alte Kuhnt hat vor allem in den vergangenen Jahren eng mit Gieske zusammengearbeitet und mit ihm gemeinsam die neue Unternehmensstruktur erarbeitet. Aus dem zweiten Glied trat der Chefjustitiar des RWE erst hervor, als er 1989, nach der Neuordnung des Konzerns, zum Vorstandsmitglied der Stromtochter berufen wurde.

Für manchen mag das ein Beweis dafür sein, daß Kuhnt eher ein Mann für die Arbeit hinter den Kulissen ist. Aber wer das aus der Tatsache schließt, daß Kuhnt erst im Alter von mehr als fünfzig Jahren zu höheren Weihen kam, der kennt die Feinheiten des Unternehmens nicht.

Der RWE-Konzern ist in der Vergangenheit zentral geführt worden, hatte also nicht gerade viele Vorstandsämter zu vergeben. Und zu den Besonderheiten zählt auch, daß die Kommunen, die dank Mehrfachstimmrechts für einen Teil ihrer Aktien die wahren Herren des RWE sind, Anspruch auf die Besetzung von zwei Vorstandsmandaten hatten. Weil aber Oberstadt- und Oberkreisdirektoren in aller Regel eine juristische Ausbildung haben, besetzen sie gerne selbst die Ressorts, die auch für Kuhnt in Frage gekommen wären. Als Techniker hätte er es vermutlich leichter gehabt.

Kuhnt verdankt seine Berufung letztlich aber gerade den kommunalen Aktionären, die mit Gieske heillos zerstritten sind und möglicherweise in ihm einen besseren Kandidaten für eine ersprießliche Zusammenarbeit sehen als in Keitel. Schließlich ist ihnen der in Schlesien geborene und in Neuss aufgewachsene Kuhnt seit vielen Jahren vertraut.

Der neue Mann, der sein Amt zur Jahreswende antritt, muß sich darauf gefaßt machen, daß sein Umgang mit den Kommunen kritisch beäugt werden wird. Die Abschaffung des Mehrfachstimmrechts für die Aktien der Kommunen, die Gieske mit viel Verve, aber auch ein wenig Ungeschick betrieben hat, kann mit dem Wechsel an der Vorstandsspitze nicht von der Tagesordnung verschwinden.