Von Hans Otto Eglau

Gegen halb vier, kurz vor Dienstschluß, erschien am vergangenen Freitag vor dem Bielefelder Amtsgericht ein Abgesandter der Firma Balsam AG, Steinhagen, um ein wichtiges Dokument zu übergeben: den Konkursantrag des bundesweit führenden Herstellers von Sportböden, Kunstrasen und Tennisplatz-Belägen. Vier Tage zuvor war der vierköpfige Balsam-Vorstand wegen des Verdachts betrügerischer Manipulation in Milliardenhöhe verhaftet worden. Die Jahresabschluß-Prüfer von der weltweit zu den führenden Adressen ihrer Branche zählenden Price Waterhouse GmbH in Frankfurt hatten von den dubiosen Luftgeschäften und dem sich anbahnenden Debakel offenbar nichts gemerkt. Inzwischen erstattete die Landesbank Rheinland-Pfalz sogar Anzeige gegen den maßgeblichen Prüfer. Mit Hilfe der Frankfurter Staatsanwälte wollen die Mainzer Finanzmanager klären, ob dieser möglicherweise selbst an strafbaren Handlungen bei Balsam oder deren Geschäftspartner, der Factoringfirma Procedo in Wiesbaden, beteiligt war.

Nur wenige Wochen zuvor hatte sich der Königsteiner Wirtschaftsprüfer Wolfgang Klenke fragen lassen müssen, warum er dem untergetauchten Baulöwen Jürgen Schneider noch im Februar ein Vermögen von 3,7 Milliarden Mark bescheinigt hatte, obwohl das Immobilienimperium zu diesem Zeitpunkt bereits konkursreif war.

Ende 1993 war die KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft AG, Frankfurt, ins schiefe Licht geraten. Als Abschlußprüfer der von den Banken aufgefangenen Metallgesellschaft hatte sie es zugelassen, daß der geschaßte Vorstandschef Heinz Schimmelbusch das wahre Ausmaß der jahrelangen Auszehrung des Traditionskonzerns verheimlichen konnte. Erst unter dem Sanierer Kajo Neukirchen wurden uneintreibbare Forderungen gegenüber verbundenen Unternehmen wertberichtigt, wurde ein jahrelang trickreich hin und her geschobener Verlust im Aluminiumhandel von 180 Millionen Mark endlich verbucht.

Im Verdacht, es mit ihrem Wächteramt oft nicht so genau zu nehmen, steht eine Zunft, die wie keine andere Zugang zu den intimsten Daten und Vorgängen der Unternehmen hat. Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs zahlreicher Firmen in der Weltwirtschaftskrise waren im Herbst 1931 alle Aktiengesellschaften durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten einer jährlichen Abschlußprüfung unterworfen worden. Das Frühwarnsystem sollte dazu führen, daß gefährdete Firmen rechtzeitig saniert würden. Praxis und Image der „Hakelmänner“, wie die rund 7600 deutschen Wirtschaftsprüfer apostrophiert werden, klaffen jedoch weit auseinander. Der frühere Treuarbeit-Chef Karl-Heinz Forster spricht von einer „Erwartungslücke“. Der Bestätigungsvermerk des Prüfers, das sogenannte Testat, sei eben kein Gütesiegel, das die Bonität des Unternehmens garantiere. Es besagt lediglich, daß der Jahresabschluß den gesetzlichen Vorschriften und der Satzung entspricht. Als unabhängiges Organ sei der Abschlußprüfer in Deutschland „der verlängerte Arm des Aufsichtsrates“, so Horst Kaminski, Geschäftsführer des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. Dem obersten Kontrollgremium hat der Vorstand denn auch nach dem Gesetz den Prüfungsbericht „unverzüglich“ zuzuleiten.

In der Praxis haben es die Wirtschaftsprüfer jedoch in erster Linie mit denen zu tun, die sie examinieren sollen. In großen Unternehmen sind die Prüftrupps praktisch das ganze Jahr hindurch im Haus, um nach Abschluß des Geschäftsjahres ihren Bericht möglichst schnell vorlegen zu können. Vor allem wenn ein und derselbe Prüfungsleiter mit dem Chef des Rechnungswesens über lange Zeit eng zusammenarbeitet, geht – so versichern erfahrene Insider – die kritische Distanz zwischen Prüfer und Geprüftem verloren. Selbst wenn ersterer unangenehme Wahrheiten in seinem Bericht vermerken will, versucht der Vorstand, ihm dies in der Schlußbesprechung auszureden. Bestenfalls ist dann zwischen den Zeilen eine Kritik der Verfasser zu erkennen. Der Vorstandschef eines großen deutschen Industriekonzerns: „Für ein normales Aufsichtsratsmitglied ist der Prüfungsbericht ungenießbar, so verklausuliert ist er abgefaßt.“

Damit nicht genug. In vielen Unternehmen ist es den Aufsichtsratsmitgliedern bis heute unmöglich, die durchweg mehr als 200 Seiten starken Wälzer unter zumutbaren Bedingungen durchzuarbeiten. Offenbar aus Angst, die Arbeitnehmervertreter könnten vertrauliche Daten zum Zwecke von Branchenanalysen an ihre Gewerkschaften weiterleiten, zwingen nahmhafte Firmen wie Siemens, Allianz und Karstadt ihre Aufsichtsräte, zum Studium der Prüfungskonvolute eigens anzureisen. Die Deutsche Bank war in diesem Jahr erstmalig bereit, ihren zwanzig Räten den Prüfbericht zuzuschicken, Konkurrent Dresdner Bank will dem guten Beispiel im nächsten Jahr folgen. Bei der Degussa gelang es einigen Arbeitnehmervertretern immerhin, den brisanten Bericht zum Wochenende per Boten zu erhalten – am Montag wird er allerdings wieder abgeholt.