ARD, Samstag, 11. Juni:

"Der Musikantenstadl"

von und mit Karl Moik

Die Standarten sind aufgepflanzt zwischen den Menschenmassen, künden fast so prächtig wie früher von deutscher Freude, deutscher Ehre, deutscher Volksmusik, nur daß sie heute, man muß ja ein wenig mit der Zeit gehen, für das lacke Bier der ostmärkischen Firma Puntigamer werben. Zwischen den Tischen paradiert die Blechgruppe, den schmucken Gamsbart diesmal schelmisch hinten auf der schwarzen Baseballmütze, im festen Tritt zur Marschmusik. Und damit man auch richtig verstanden wird im Ausland, ist der Schriftzug "Musikantenstadl" in Volksdeutsche Fraktur gesetzt. Das deutsche Wesen, an dem eben noch die restliche Welt genesen sollte, ist in der Volksmusik wieder fröhlich auferstanden.

An der Spitze von fünftausend begeisterten Anhängern ist Karl Moik in Toronto eingefallen, hat Kanada, wie die eingeblendeten Bilder beweisen, im Handstreich erobert; ein Blitzkrieg ist nichts dagegen. Jetzt spricht man auch in Kanada deutsch, und wer da noch immer nicht pariert wie die kanadische Sängerin, der kriegt für den fehlenden Umlaut gleich ordentlich eins auf die Pfoten. Wenn das der Führer noch erlebt hätte! Der Führer hätte sich nicht sinnlos in Völkerschlachten stürzen müssen, Ostfront, Westfront, der Wüstenfeldzug noch dazu. Unsere Ehre heißt Treue und alles, aber wenn er es nur ein ganz klein wenig geschickter angestellt hätte, zum Beispiel so schlawinerisch wie Karl Moik mit seiner berittenen Eingreiftruppe – die Welt ließe sich erst recht mit Füßen treten.

Aber hören wir hinein in den "Musikantenstadl", hören wir genau zu, wenn der Musikantenführer Moik spricht. Längst erstreckt sich das größer gewordene Deutschland für ihn über Maas und Memel hinaus, es reicht von Montreal über Moskau bis Wien. Moiks Jubeln kennt keine Grenzen mehr, nur noch Deutsche: "Ja, auch die Russen können uns sehen." Aus dem ganzen neuen Großdeutschland haben sich volksmusikalische Frohsinnseinheiten gemeldet, jeder Gau ist mit Stimme und Fönfrisur vertreten. Herlinde Lindner, die vielfache Jodlerkönigin, ist dabei und Lolita, "unsere Grande Dame der Seefahrt aus Österreich", Karel Gott, die Goldene Stimme aus dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, Pardon, Tschechien, und der Lachende Vagabund Fred Bertelmann. Es ist beinah wieder so schön wie früher bei den legendären Nürnberger Reichsparteitagen: Alles schwenkt Fahnen, süße kleine Mädel überreichen Karl Moik Blumen, das Volk gerät fast außer sich, es jubelt und klatscht, als würde noch einmal der totale Krieg erklärt und diesmal aber wirklich bis zum Endsieg ausgekämpft.

Bevor es soweit ist, wird reichlich Wiener Blut vergossen. Es war auch nicht alles falsch, was die Nazis seinerzeit angestellt haben, nicht wahr, es war eine schönere Zeit damals, es wurde gesungen und geklatscht und gefeiert, den ganzen Tag Kraft durch Freude. Vor lauter Freude über seinen schnellen Sieg über Toronto nimmt Karl Moik den traurig alt gewordenen Bluessänger Ronnie Hawkins in Geiselhaft und nötigt ihn, mit ihm im Fesselballon seine frisch eroberten Länder zu überfliegen.