Silbergrau, mattweiß und mitternachtsblau der neue InterCityNight fährt in BerlinCharlottenburg ein. Werbestrategen loben ihn in den höchsten Tönen: Viel "Komfort mit Niveau" soll er seinen Gästen bieten, ein "rollendes Hotel" soll er sein. Von einer "neuen Dimension des Reisens" gar ist die Rede. Aber erfüllt der Nachtzug auch die geweckten Erwartungen? Ich will von Berlin nach Bonn. Noch bevor ich, schwer bepackt, die Rezeption im Bistrowagen betreten kann, eilt mir ein Steward entgegen, der am großen "M" auf seiner Weste deutlich als MitropaMitarbeiter zu erkennen ist "Würden Se mir bitte Ihr Jepäck reichen?" Das Einchecken an der Rezeption dauert nur ein paar Sekunden, dann führt mich mein Steward zum Abteil.

An der Tür schiebt er eine weiße Plastikkarte ins Schloß, "wejen der besseren Sicherheit". Dann holt der hilfsbereite Dienstmann tief Luft und bombardiert mich mit Erläuterungen: Vom "Servicetelephon", vom "Weckruf", von der "Naßzelle" und noch mehr berichtet er. Am Ende kommt er sogar fast aus der Puste: "Det is allet so neu hier", stößt er hervor, "und man darf ja auch nischt verjessen; sonst hajelts Beschwerden, weil irjend einer behauptet, er hätte was nich jewußt " Das beklemmend kleine Abteil ist karg: kein Bild, kein Spiegel. Ich klopfe an die Wand - Plastik. Ich tippe an die hochgeklappten Bettgestelle Aluminium. Ich schabe über den Fußboden PVC Velours. Alles frostig grau oder blau und absolut clean. Hauptsache pflegeleicht. Aber auf dem Klapptisch am Fenster wartet ein kleiner Willkommensgruß: ein Früchtekorb mit zwei Äpfeln und eine Flasche Wasser.

Ich verstaue erst mal mein Gepäck, um Platz zu machen. Unter der Waggondecke ist eine Ablage für jeweils zwei Koffer und kleinere Taschen. Ich bringe alles unter. Ein sperriger Koffer, fürchte ich, hätte dort oben jedoch wohl kaum Platz. Und unten könnte er auch nicht bleiben: Man käme nicht mehr aus dem Abteil raus.

Als ich mich schließlich auf dem Sitz am Fenster niedergelassen habe, fallen mir einige praktische Details auf: der Klettverschluß an der rechten Fensterseite etwa, um den zugezogenen Vorhang zu befestigen; die einklappbare Fußleiter für das obere Etagenbett, falls das Abteil mit zwei Personen belegt ist, oder die Regler für die Klimaanlage am Oberlicht. Dort ist auch der Schalter für das Bordradio: Mozarts "Kleine Nachtmusik" ertönt. Die Konstrukteure des InterCityNight (ICN) - er wird von der spanischen Firma Talgo hergestellt haben an alles gedacht.

Auch bei der Ausstattung der Dusch- und WCKabine. Statt des einstigen Plumpsklos gibt es hier eine druckluftbetriebene Absauganlage, wie im Flugzeug. Neben der Toilette ist ein Griff zum Festhalten angebracht. Gegenüber befindet sich ein kleines Waschbecken mit Spiegel, Steckdose, Ablagebord, Zahnputzgläsern. Das Wasser aus der Leitung ist jedoch auch im neuen ICN nicht zum Trinken geeignet. Neben dem Waschbecken steht die Duschsäule. Alles, was man braucht, ist da, aber die Kabine verdient wirklich den Namen "Naßzelle". Sie bietet mit einem Maß von 1 28 Quadratmetern insgesamt soviel Platz wie eine Telephonzelle. Für Reisende mit einer Körpergröße über 1 90 Meter ist sie zu niedrig, Gäste über der Talgo Norm werden wohl ihre Köpfe einziehen müssen.

Gegen 22 30 Uhr bricht der ICN in Richtung Bonn auf. Inzwischen knurrt auch mein Magen. Ich mache mich auf ins Bordrestaurant. Wieder eine Neuerung: In den alten Nachtzügen konnte man nur im eigenen Abteil speisen. Und das war wegen der Enge meist kein Vergnügen. Die Menükarte bietet bescheidenen Mitropa Standard: Speisewagenklassiker wie Hühnerfrikassee und Gulaschsuppe, aber auch einen Vesperteller mit Schinken, Salami und Käse. Die Getränkekarte ist gleichfalls nicht überwältigend: Bier, fünf verschiedene Weine, Spirituosen und Alkoholfreies. In Sachen Gastronomie besteht wie bisher Nachholbedarf. Ich gönne mir einen Champagner statt Rotkäppchen Sekt.

Eine Dame neben mir klagt: "Die blöden Plastikkarten, ich hab die Tür nicht aufgekriegt Ein gestreßter Manager stöhnt: "Die Klimaanlage summt ständig, man kann sie nicht abstellen "Ein Amerikaner", erzählt eine junge Frau, "mußte vergangene Woche seinen Überseekoffer bis ans Ende des Zugs zum Abteil für Sondergepäck schleppen, der hat vielleicht geflucht Zwei Rentnerinnen sind zufrieden: "Endlich einmal ungestört duschen, das wurde auch Zeit "