Muß die Geschichte der deutschen Teilung neu geschrieben werden? Die Antwort des Essener Historikers Wilfried Loth ist ein vorbehaltloses Ja. Archivstudien haben ihn zu einem Ergebnis geführt, das, wenn es sich denn erhärten ließe, sensationell wäre. Stalin, so lautet das Fazit seines neuesten Buches, wollte weder einen kommunistischen Staat auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone noch ein kommunistisches Gesamtdeutschland. Loth ist sich ganz sicher: "Viele hundert voneinander unabhängige Zeugnisse aus dem ersten Nachkriegsjahrzehnt belegen, daß Stalin ein demokratisches Nachkriegsdeutschland anstrebte - ein nach westwie gegen die Pervertierung des Demokratiebegriffs und die Instrumentalisierung des Antifaschismus in der DDR ausdrücklich festgehalten werden muß "

Die mit Abstand wichtigste Quelle, aus der Loth schöpft, sind Aufzeichnungen des ersten Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, aus den Jahren 1945 bis 1953. Der Autor zitiert aus dieser Quelle nicht nur ausgiebig in seinem Buch; er hat Piecks Aufzeichnungen gleichzeitig auch, zusammen mit dem ostdeutschen Historiker Rolf Badstübner, in einer Edition zugänglich gemacht, wofür ihm die Fachwelt und das interessierte Publikum nur dankbar sein können. Denn Pieck hatte einen besonders privilegierten Zugang sowohl zu den führenden Männern der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) wie auch zu Stalin selbst. Er war erst Vorsitzender der im Juni 1945 wiedergegründeten KPD, dann, ab April 1946, nach dem zwangsweisen Zusam menschluß von SPD und KPD, neben dem ehemaligen Sozialdemokraten Otto Grotewohl einer der beiden Vorsitzenden der SED.

Nach der Lektüre beider Bände, der Darstellung Loths und der Quellenedition, kann es keinen Zweifel mehr geben: Stalin wäre ein einheitliches Deutschland lieber gewesen als die DDR. Der sowjetische Führer hat sich die gesamtdeutsche Option so lange wie möglich, über die Gründung der DDR hinaus, offenzuhalten versucht und deshalb die SED gelegentlich gebremst, wenn diese allzu massiv auf die Etablierung einer "Volksdemokratie" und die Proklamation des "Aufbaus des Sozialismus" drängte. Stalins Politik war in sich logisch: Wenn die westdeutsche Öffentlichkeit für die sowjetischen Parolen gewonnen werden sollte, mußte sich auch die Agitation der SED an diesem Ziel orientieren.

Folgt daraus, daß man Stalins Bekenntnisse zu einem demokratischen Gesamtdeutschland zum Nennwert akzeptieren muß? Wer die Quellen genau liest, kann sich über Loths Deutung nur wundern. Der Essener Historiker sieht in Stalin ein Opfer Walter Ulbrichts, des starken Mannes der SED, dem an der deutschen Einheit wenig, an der raschen Errichtung eines kommunistischen Staates auf dem Gebiet der sowjetischen Zone sehr viel gelegen habe Über die deutschen Dinge nicht besonders gut informiert, hat der Generalissimus in Moskau, folgt man Loth, der SED zuviel Spielraum gelassen und deshalb nicht verhindern können, daß diese, in stillschweigendem Zusammenspiel mit den Westmächten und Adenauer, die Teilung Deutschlands zuwege brachte. Ulbrichts wichtigster Verbündeter war nach dieser Lesart Oberst Tulpanow, der Chef der Verwaltung Information und Leiter des Parteiaktivs der SMAD. "Der klassenkämpferische Amoklauf Ulbrichts und Tulpanows vollzog sich offensichtlich, ohne daß Stalin die Folgen mitbekam "

In der Einleitung zu den Aufzeichnungen Piecks geht Loth noch einen Schritt weiter. Er glaubt, mit Blick auf das Jahr 1949, einen "tiefgreifenden Interessenkonflikt zwischen Stalin und der SED Führung" zu erkennen: "Während diese durch die Dynamik des Kalten Krieges dazu getrieben wird, sich auf die Etablierung jener Machtstruktur zu konzentrieren, die dann als DDR Sozialismus Realität wurde, will der oberste Sowjetführer den Kampf um die Neuordnung Deutschlands noch nicht aufgeben "

Was Stalin unter der Neuordnung Deutschlands verstand, glaubt Loth zu wissen: Es war ein politisches System, das sich nicht wesentlich von westlichen Demokratievorstellungen unterschied. Bei diesem Urteil stützt sich Loth ausschließlich auf das, was er im Archivgut der SED fand. Sowjetische Quellen, die möglicherweise noch aufschlußreicher sind, hat er nicht benutzt. Doch auch das Material, das Loth ausgewertet und teilweise veröffentlicht hat, belegt nicht, was er beweisen möchte.

Am 18. Dezember 1948 etwa begründete Stalin in einer mehrstündigen Besprechung mit Pieck, Grotewohl und Ulbricht, warum er zu diesem Zeitpunkt von der SED eine "vorsichtige", ja "opportunistische Politik zum Sozialismus", einen Kurs des "Zickzack" anstatt "direkter Eingriffe", erwartete. Die Lage der Sowjetzone sei anders als die der "Volksdemokratien"; es gebe in Deutschland noch "keinen einheitlichen Staat"; die SED stehe "nicht vor der Macht". Daher müßten, so kann man Piecks knappen Notizen entnehmen, Parolen wie "Einheit" und "Frieden" im Vordergrund stehen, die Preise gesenkt, die Löhne erhöht und die Ernährung verbessert werden. In der von Rolf Badstübner verfaßten Vorbemerkung zu dem hier zitierten Dokument heißt es, Stalins Hinweise seien "nicht über taktische Modifizierungen im dogmatischen Koordinatensystem leninistisch stalinistischer Revolutionstheorie und Weltsicht hinausgegangen". Wohl wahr, und ebendarum zerplatzt Loths Behauptung, Stalin habe eine westliche Demokratie für ganz Deutschland angestrebt, wie eine Seifenblase. Stalin wäre nicht mehr er selbst, also der oberste Hohepriester des Marxismus Leninismus Stalinismus gewesen, wenn er das strategische Ziel einer revolutionären Umgestaltung Deutschlands in seinem Sinn von "Sozialismus" aufgegeben hätte. Allerdings gab es für ihn Gründe, sich beim "Aufbau des Sozialismus" in Deutschland Zeit zu lassen und dieses Ziel zu verschleiern. Im Vordergrund stand das Bestreben, den Vereinigten Staaten ihr wichtigstes Glacis, den Westen Deutschlands, streitig zu machen.