Er war das Symbol einer Epoche: Während der fünfziger und sechziger Jahre prägte der niederländische Ökonom Jan Tinbergen das Denken einer ganzen Generation progressiver Wirtschaftspolitiker. Er predigte die „Konvergenz“ der Wirtschaftssysteme, also die langsame Annäherung von Kapitalismus und Sozialismus. Als Sozialdemokrat und Pazifist engagierte er sich im Kampf gegen Unterentwicklung und für eine gerechtere Verteilung der Ressourcen. Er setzte auf staatliche Einkommenspolitik und effektive Planung. Er beriet den Völkerbund, die Weltbank und die Vereinten Nationen. Und er war ein herausragender Wissenschaftler, der die Grundlagen der modernen Ökonometrie legte, also der Wissenschaft von der Quantifizierung und empirischen Überprüfung theoretischer Wirtschaftsmodelle. Dafür’erhielt er 1969, zusammen mit dem Norweger Ragnar Frisch, den ersten Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Tinbergen, 1903 in Den Haag geboren, war nicht nur Ökonom, sondern auch promovierter Physiker. Selbst wohlmeinende Kritiker glauben, daß ihn dieser fachliche Hintergrund dazu verleitet habe, zu sehr auf statische Größen zu achten und die Bedeutung des Geldes und des Preismechanismus systematisch zu unterschätzen.

Unbeeinflußt davon bleiben seine Beiträge zur Entwicklungsplanung und zur empirischen Wirtschaftsforschung. Konjunkturprognosen im modernen Sinne wären ohne seine Vorarbeit nicht denkbar. Er starb vorige Woche. pp