Von Theo Sommer

Was heißt das nach dem Kalten Kriege: Sicherheit – für Deutschland, Europa, den Westen überhaupt? Wo liegen heute die Gefahren, die Bedrohungen, die Risiken? Wo könnten sie morgen lauern?

Erst wenn darüber Klarheit besteht, läßt sich die weitere, wichtigere Frage beantworten: Welche Sicherheitspolitik brauchen wir, um unsere Interessen durch Abschreckung, notfalls durch Verteidigung, im äußersten Falle auch durch eigene Initiative wahrnehmen zu können? Welcher Streitkräfte bedarf es für diese verschiedenen Zwecke? Welcher Waffen und welchen Kriegsgeräts? Welcher strategischen Planung?

Zugespitzt formuliert: Wieviel Verteidigung muß sein?

Während des Kalten Krieges fiel die Antwort auf diese Frage nicht schwer. Es gab nur eine einzige, große existentielle Bedrohung: die Gefahr eines massiven sowjetischen Angriffs, ausgeführt mit nuklearen und konventionellen Kräften. Es gab eine Hauptfront: Sie war identisch mit der Trennlinie, die Deutschland und Europa spaltete. Außerdem gab es, an der nordnorwegischen und an der anatolischen Flanke, zwei ebenso deutlich markierte Nebenfronten. Zu beiden Seiten der Hauptfront waren gewaltige Heere aufmarschiert – rund anderthalb Millionen Mann allein auf deutschem Boden in Ost und West. In ihren Depots lagerten unvorstellbare Mengen an Atomwaffen: an die zehntausend in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, noch immer ein Drittel davon im Jahr der Wende 1989. Norddeutsche Tiefebene, Fulda Gap, die offene österreichische Flanke – jeder Generalstäbler kannte die Angriffskorridore und die Verteidigungslinien, falls der Kalte Krieg heiß werden sollte.

Er wurde es nie. Der sowjetische Angstgegner, so bedrohlich in seiner bloßen Masse und so gefährlich in seinem Expansionsdrang er anfangs auch schien, ließ sich durch die atomare Logik – „wer zuerst schießt, stirbt als zweiter“ – zur Vernunft zwingen. Nikita Chruschtschow trommelte mit den Schuhen aufs UN-Pult; auf den Atomknopf drückte er nie, Umgekehrt haben die Amerikaner nicht einen Augenblick lang erwogen, ihre Kernwaffen einzusetzen, um den Gulag zu befreien. Die Atombombe lehrte beide Seiten Mäßigung. Bei aller Gegensätzlichkeit verließen sich die Protagonisten der vier Jahrzehnte währenden Ost-West-Konfrontation auf die Berechenbarkeit, die Rationalität des Widerparts.