Von Willi Winkler

Vor vielleicht zwanzig Jahren, spätabends im Fernsehen: das Mädchen, Verkäuferin, das nicht mehr nach Hause will, nicht mehr heim zu den Eltern, sondern auf der Bank an der U-Bahn sitzen bleibt. Das aufgegriffen wird von der Polizei, natürlich, was soll man schon tun, den Eltern überstellt wird, die gehörig entsetzt sind, die sich nicht mehr zu helfen wissen mit dem aufsässigen Kind, die es weiterreichen, in Pflege geben, in die Fürsorge der Psychiatrie, wo es, wie anders, zugrunde geht. Das war, zwanzig Jahre ist es her, Ken Loachs Film "Familienleben".

Loach wurde sehr gelobt für seine Sozialreportagen; Aufträge bekam er aber zwei Jahrzehnte lang nur noch beim Fernsehen. 1986 zum Beispiel ein grausam schlechter Film über einen ostdeutschen Liedermacher, der in den Westen geht, dort naturgemäß unglücklich wird, dabei unverzagt seinen Vater sucht: "Fatherland".

Nach diesem Tiefpunkt ist Ken Loach plötzlich wieder da. Für "Riff-Raff" erhielt er den Europäischen Filmpreis, "Raining Stones" wurde in Cannes ausgezeichnet, und Crissy Rock, die Hauptdarstellerin in "Ladybird, Ladybird", hat in Berlin den Silbernen Bären bekommen.

"Ladybird, Ladybird" ist ein Sozialmärchen der finsteren Sorte. Die Guten sind gut, die Bösen zum Fürchten böse. Die Fürsorge, die Polizei, die prügelnden Ehemänner: lauter böse Schwiegermütter, die dem Paar das Glück und die Kinder neiden, die auch noch konspirieren, damit Maggie ihres Lebens nicht mehr froh wird.

Und wie im grausamen Märchen wird eine Übertreibung noch von der nächsten übertroffen: Einmal, da wollte Maggie auch was haben von diesem schäbigen Leben, hat abends ihre vier Kinder eingesperrt und ist Karaoke-Singen gegangen. Bei einem Zimmerbrand wurde ihr Sohn Sean lebensgefährlich verletzt, die Mutter daraufhin für verantwortungslos erklärt und von den Kindern getrennt. Sie wachsen in Heimen auf und bei Pflegemüttern, sie werden zur Adoption freigegeben, nur Maggie soll sie nicht wiederhaben.

Als das Vormundschaftsgericht Maggie das Sorgerecht für ihre Tochter entzieht, lieber auf eine mißgünstige Alkoholikerin aus demselben Block als auf die Stimme des Herzens hört, als Maggie zusammenbricht im Schmerz über ihre vier älteren Kinder, die sie bereits verloren hat, erscheinen zwei Männer von der Ausländerbehörde bei ihrem Freund Jorge und bedrohen ihn mit baldiger Ausweisung.