Von Fredy Gsteiger

Paris

Wie kann einer, der nicht nur den Namen des großen Franzosen trägt, sondern geradewegs von ihm abstammt, ein solches politisches Leichtgewicht sein? Zugegeben, „der Enkel“, wie er hierzulande bloß genannt wird, hat es immerhin auf Platz drei der Liste „Das andere Europa“ gebracht. Und da die Bürger sie am vergangenen Wochenende von null auf dreizehn Prozent katapultiert haben, darf Charles de Gaulle in die Straßburger Versammlung einziehen. Allein, gewählt worden ist er vor allem wegen seines Namens.

Die politische Biographie des Mannes ist schnell erzählt. Der Firmenanwalt – durchaus erfolgreich, wie es heißt, aber auch daran dürfte der Name nicht ganz unschuldig sein – kandidierte in den achtziger Jahren erfolglos für einen Regionalrat in Nordfrankreich und 1989 für das Europaparlament, damals auf einer Liste von Euro-Enthusiasten. 1993 rückte er in Straßburg zum Abgeordneten auf, als wegen des konservativen Wahlsiegs in Paris viele seiner rechten Kameraden in die Nationalversammlung abwanderten.

Inzwischen segelt Charles de Gaulle freilich mit den Europafeinden von Philippe de Villiers, einem rechtskatholischen Nationalisten aus Frankreichs Westen. In dessen Hauptquartier spotten böse Zungen über das Kampagne-Zugpferd de Gaulle: „Die Person läßt sich im Namen zusammenfassen.“ Und de Villiers selber verkündete von Anfang an, er wolle vor allem des Enkels Präsenz auf seiner Liste gewinnbringend einsetzen. So hatte de Gaulles von der feinen Lebensart geprägtes Antlitz auf Tausenden von Wahlplakaten, T-Shirts und Schirmmützen für „Das andere Europa“ prominent in Erscheinung treten dürfen. Am Reden aber haben de Villiers Leute Charles de Gaulle gehindert. Von französischen wie ausländischen Journalisten hielten sie ihn fern. „Monsieur de Gaulle ist dieser Tage äußerst beschäftigt“, wimmelten freundliche Mitarbeiterinnen ab. Wohin seine gesammelte politische Energie floß, blieb ein Rätsel.

Auch auf Wahlveranstaltungen machte er sich am besten, wenn er einfach milde lächelnd, aber immer auch ein bißchen leidend und linkisch auf der Tribüne saß. Mitmachen sollte er, aber bitte schweigen. Ergreift der 46jährige doch das Wort, wird es leicht peinlich. Von „unserem schönen, teuren Land“ spricht er dann und davon, daß es nicht existieren könne „ohne seine Sehnsucht nach Größe“. Die Rhetorik ist unbeholfen, doch der Applaus donnernd.

Wes Geistes Kind der Enkel ist, wird bei allem gedanklichen Durcheinander spätestens dann deutlich, wenn er davon redet, daß Frankreich eine drastische Begrenzung der Ausländerzahl brauche, „um atmen zu können“. Die „verfügbaren Arbeitsplätze ebenso wie die Vorteile des dichten sozialen Netzes“ müßten seinen Landsleuten vorbehalten bleiben. Schließlich betont er vor 8000 jubelnden Anhängern in einer kühlen Kongreßhalle vor den Toren von Paris, daß er „immer eine gewisse Vorstellung von Europa“ gehabt habe – verschweigt aber, welche. Im übrigen müsse „ein souveränes Frankreich zu seiner eigenen Identität finden“, um sein Schicksal zu kontrollieren. Erneut brausender Beifall. Die Anwesenden wissen, was sie einem de Gaulle schuldig sind.