39 Jahre alt, Performance-Künstlerin, lebt in New York

Also, so einen typischen Tag gibt es bei mir nicht. Sonst in New York läuft der nämlich ganz anders ab als beispielsweise der Tag heute. Kurz nach Mittag bin ich in meinem Hotel aufgewacht, zur Zeit trete ich mit meiner Performance im Münchner ‚Tempel‘ auf. Der Tempel ist ein ganz heißer Platz, der könnte auch in den alten Docks von Manhattan sein: Früher, so hat man mir erzählt, war das eine riesige Kasernenhalle, in der die Soldaten ihre Panzer gewartet haben. Jetzt gibt es da Konzerte, Techno-Parties, Theater-Events. Tolle Sache. Mir gefällt das. Also aufgestanden, etwas CNN geguckt, Zeitung gelesen und nebenher gefrühstückt.

Naja, dann bin ich ins Bad: Beine rasieren, Fingernägel frisch lackieren, Fußnägel lackieren. Anschließend habe ich mit Freunden in New York telephoniert. Ah ja, und dann bin ich zum Massieren gegangen. Das brauche ich, viele Leute können sich gar nicht vorstellen, wie anstrengend so eine Performance ist. Deshalb lege ich mich auch meistens vor der Show noch auf ein Schläfchen hin. Das gibt positive Energie für nachher.

So gegen sechs Uhr am Abend hab’ ich mich dann auf den Weg in den ‚Tempel‘ gemacht. Ich muß vor der Show immer noch nachschauen, ob die Requisiten am richtigen Platz sind, die Lichteinstellungen kontrollieren. Dann mach’ ich mir mein Make-up, kleb’ mir die falschen Wimpern an und zieh’ mich um. Jeden Abend vor der Show lege ich mir noch die Tarot-Karten. Heute waren es ‚Der König der Kelche‘, ‚Die Asse der Kelche‘ und ‚Die Sonne‘. Da hab’ ich gleich gewußt, das muß ein guter Abend werden. Es stimmt immer, was die Karten sagen.

Die Performance dauert etwa zwei Stunden. Eigentlich ist meine Biographie das Thema der Show. Ich erzähle, wie aus der scheuen, unscheinbaren, verklemmten Ellen Steinberg, so heiße ich eigentlich, die Prostituierte, die Domina und der Pornostar Annie Sprinkle wurde: Ellen hatte nichts mit Jungen am Hut, Annie hatte Sex mit über 3000 Männern. Nach Ellen hat sich niemand auf der Straße umgedreht, Annie dagegen hat in vielen Magazinen posiert und wurde von vielen Männern begehrt. Ich zeige während der Show auch Dias: die häßliche, kleine Ellen mit ihrer Familie, Annies erste Kontaktanzeige, Annie beim Sex. Portraits von meinen Freundinnen und Freunden. „Ist vor zwei Jahren an Aids gestorben“, „hat vor fünf Jahren erfahren, daß er positiv ist, lebt jetzt auch nicht mehr.“ Wenn ich dies hinzufüge, wird es im Publikum ganz still. Eigentlich ist es ein Wunder, daß ich selbst HIV-negativ bin.

Bei der Performance zeige ich so ziemlich alles von mir. Da führe ich mir auch ein Spekulum ein. Jeder, der will, kann sich meine Gebärmutter ansehen. Dabei bin ich eigentlich gar keine Exhibitionistin, oder zumindest bin ich keine mehr. Ich mach’ das auch nicht wegen eines speziellen Kitzels. Für mich ist das wie ein public Service. Es ist wie eine Art des Lernens: Ich zeige den Ort, wo das Leben entsteht, wo wir alle herkommen. Das ist doch etwas Wunderbares. Das sollte sich doch jeder anschauen können. Ich jedenfalls zeige meine Gebärmutter gerne her.

Am Ende erkläre ich meinem Publikum, daß aus Annie mittlerweile Anja geworden ist. So wie sich früher einmal aus Ellen Annie entwickelt hat. Anja ist sehr alt, sie ist eine in die Gegenwart hergereiste Tempel-Prostituierte aus Sumer, aus dem alten Ägypten, aus dem antiken Griechenland. Deshalb beschließe ich meine Show auch als Anja. Mit einem Fruchtbarkeitsritual, das mich dem Göttlichen sehr nahe bringt. Ich falle dabei regelmäßig in Trance und bekomme auch fast immer einen Orgasmus. Das hängt aber auch von den Menschen im Publikum ab, wie sehr sie mich mit ihrer positiven Energie unterstützen.