Der Struwwelpeter wird 150 Jahre alt und ist aktueller denn je. Ich, der Zappelphilipp, sitze noch immer höchst ungeduldig an der elterlichen Tafel und will die Suppe nicht essen, die man mir da auftischt. Da spielt sich Vater Kohl aber mächtig autoritär auf, und Mutter CDU blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum. Kein Widerwort. Nirgends. Und ich esse ums Verrecken diese Suppe nicht, lieber reiße ich doch noch auf meine alten Tage, wie mein Vorbild, der Zappelphilipp, das Tischtuch mit dem ganzen miesen Fraß herunter. Aber was kommt dann? Dann kommt Onkel Rudolf, dasselbe in dünn. Derselbe autoritäre Ton, derselbe patzige Umgang mit kritischen Fragern, die nämliche Wohlgefälligkeit und überhebliche Arroganz. Also, was wird anders? Nichts. Und draußen vor dem Tor spaziert schon grinsend der kohlpechrabenschwarze Mohr, wir werden ja sehen. Die Hans-guck-in-die-Lüfte spazieren weiter, als wäre nichts gewesen und als gälte es nicht spätestens dann mal aus der schönen Höhenluft nach unten in die modrigen Kanäle zu gucken, wenn ein Herr (?) namens Boenisch zum Kanzler-Wahlberater ernannt wird. Erinnert sich denn niemand mehr an seine Bild- – und Welt-Kolumnen der späten Sechziger, frühen Siebziger? Ist dergleichen in diesem unserm Lande nun schon wieder salonfähig? Was soll ich machen, mich mit Miau-Mio selbst verbrennen wie Paulinchen oder einfach mit meinem Gedankenschirm davonfliegen, wie der fliegende Robert? Wohin denn? In unsere Nachbarländer, die schon faschistisch sind oder es gerade werden? Und zu allem erzkonservativen, verstockten Fünfziger-Jahre-Überfluß zieht nun auch noch der tintenschwarze Frankenmann sein Präsidentenröcklein an – da steh’ ich, in der Rolle des Hasen, der sich retten und selber schießen soll – ja, mit welchem Gewehr, mit welcher Munition denn bitte nach diesen Jahren im klebrigen Grießbrei der deutschen Küchengedanken? „Elke“, spricht die SPD, „halt den Mund, sonst tut es weh.“ Denn der Scharping mit der Scher / kommt sonst ganz geschwind daher / und die Zunge schneidet er / ab, als ob Papier es wär.

Kurzum: es war schrecklich, es wird schrecklich, und warum das Ganze WÄHLEN genannt wird, weiß ich schon lange nicht mehr. Heiliger Joschka, kerngesund / du dicker Bub und kugelrund / mit deinen Backen rot und frisch: / Hau endlich auf den deutschen Tisch.

Dies war mein Beitrag zu 150 Jahren Struwwelpeter. Zu zwölf Jahren Kohl fällt mir nichts ein.

Elke Heidenreich, geb. 1943 in Hessen, Journalistin, Autorin („Kolonien der Liebe“, Rowohlt). Viele Jahre Talk-Shows im deutschen Fernsehen. Lebt in Köln