Damals standen wir noch etwas hilflos unter all den Leuten und vor all den Bildern. Kunst als Handelsgegenstand einer Messe? Verlöre sie nicht ihr Geheimnis, ihren Zauber, wenn sie so unverstellt, so schamlos auf ihren Warencharakter reduziert würde? Wollten wir das? Wie vertrüge sich der gesellschaftskritische Anspruch der Zeitkunst mit den zahllosen Preisschildern und der Bazarstimmung und all den großen und kleinen Beiträgen, die über Gelingen oder Mißlingen dieser Veranstaltung entscheiden würden?

Als die rund hundert Kunsthändler auf der 1. internationalen Kunstmesse in Basel wieder zusammenpackten, da war die 2. internationale Kunstmesse in Basel schon beschlossen. Und ein Vierteljahrhundert später scheinen die Bedenken der ersten Tage kaum mehr erinnerbar. Vergessen die Anstößigkeiten. Vergessen aber auch, was seinerzeit zur Gründung der "Art" in Basel führte. Die Idee war in Köln geboren. Dort hatte ein "Verein progressiver deutscher Kunsthändler" 1967 den "Kölner Kunstmarkt" etabliert, der die Überlegenheit der neuen Veröffentlichungsform von Kunst eindrucksvoll formte. Mit dem Instrument Kunstmesse schien sich der zeitgenössische Kunstbetrieb seine ideale Selbstdarstellungsform geschaffen zu haben. Das war nicht nur an den Umsatzzahlen zu erkennen, die wie ein bislang unbeachtetes Qualitätsargument den Kunstdiskurs fortan mitbestimmen sollten. Ganz offensichtlich sammelte sich auch ein Publikum, das jünger und lebendiger schien als die Stammgemeinde, in Museen und Kunsthallen. Klar, daß das erfolgreiche Kölner Modell Nachahmer produzieren mußte. Zumal der kleine, feine Kreis der Kölner Pioniere das neue "Marktsegment" mit leidenschaftlichem Protektionismus verteidigte. Wer nicht dem exklusiven Galeristenzirkel angehörte, hatte kaum die Möglichkeit, zugelassen zu werden. In Basel erkannten ein paar vorausschauende Kunsthändler ihre Chance und gründeten 1970 eine demokratisch gedachte Gegenmesse.

Die Frühgeschichte der europäischen Kunstmärkte wird just diese Opposition prägen. Verteidigung von Privilegien dort und liberales Prinzip da. Und Köln und Basel nahmen noch eine Zeitlang Drohhaltungen ein, bis schließlich die einen ihren Club öffneten und die anderen den Numerus clausus praktizierten. Darüber wurden die Kunstmessen unentbehrlich. Und je gewisser sich die Galeristenscharen Jahr für Jahr in Basel und/oder Köln einfanden, desto gewisser wurde auch, daß weder das Kunstschöne noch das Erkenntnisinstrument Kunst an Bedeutung einbüßen, wenn auch ihr Tauschwert verraten wird. Und der Kunstfreund hat zusehen müssen, wie ein paar turbulente Messetage alte Reinheitsgebote als bloße Rhetorik entlarvt haben und der Kunst im Warenzustand auch ein Stück Wahrheit zugewachsen ist.

Der neue Massensport Kunst und seine Stadien, die Kunstmessen. Es gab immer wieder Kritik an der olympischen Konkurrenz, zu der da Kunst und Künstler aufgeboten werden. Kritik am Lauten, Indiskreten, Überfüllten, Massenhaften, am unvermeidlichen Qualitätsgefälle. Als seien Messeveranstaltungen Regie-Ereignisse und nicht bloß Summen von Zufällen, Spekulationen, klugen Einschätzungen und verpatzten Einsätzen. Womöglich hat aber gerade das zur 25jährigen Erfolgsgeschichte beigetragen: die Unübersichtlichkeit und die Undurchschaubarkeit, der Zwang, alte Kriterien immer neu zu verhandeln. Kunstmessen verwischen die Unterschiede zwischen dem Gewichtigen und dem Luftigen, dem Zentralen und dem Randständigen. Sie lassen dem Bewährten und dem Ungeprüften gleichviel Chancen. Sie spiegeln disparate Traditionen und polare Entwicklungen. Und sie wurden so zum eigentlichen Erfüllungsort einer prozessualen Moderne, wo das Paradigma ständiger Selbsterneuerung noch einmal, ein letztes Mal vielleicht, seine grandiose Dynamik entfalten konnte. Rascher als alle Bilanzausstellungen ließ eine Messe wie die "Art" die launischen Zeitgeistreflexe Revue passieren. Pop, Happening, Performance, Minimal, Transavanguardia, Neue Wilde, Neo Geo und wie die Parolen alle lauteten. Und vielleicht ist es eben die Kunstmesse, die das Spiel sich ablösender Moden zu ihrem endlichen Ende bringen muß.

Alte Meister, junge Trends, postmoderne Neutralität und immer wieder Verführung zum Salon: das ist Kunstmesse. Und so vergeht "Art" um "Art". Und ein "Art"-Ende ist nicht in Sicht. Was aber, wenn dieses Kapitel doch einmal abgeschlossen wäre, Erinnerung nur mehr, eine fernliegende Epoche in der Geschichte der modernen Kunst? Vielleicht würde erst dann vollends sichtbar werden, was diese Epoche eigentlich ausgemacht hat: ein beispielloses Öffentlichwerden von Kunst. Es sind die Kunstmessen gewesen, die der Gegenwartskunst ein Massenpublikum zugeführt haben, wie sich das in den Schöpfungstagen der Moderne niemand hat vorstellen können.

Hans-Joachim Müller