Von Joachim Seyppel

Kurz vor seinem Selbstmord ist der freie Mitarbeiter der ZEIT German Liebe noch unsterblich geworden. Sein Beitrag „Ich will nicht heim ins Reich“ vom 4. November 1988 fand Aufnahme in das Schulbuch „Sozialstaat“ (Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1990), wofür ihm die Verwertungsgesellschaft Wort das Honorar anwies. Nun obliegt es mir, quasi seinem Alter ego und besten Freund, Liebes Œuvre ein letztes Mal zu würdigen.

Das erste Mal tauchte er auf in der ZEIT vom 15. Mai 1987 mit der Satire „Die Bruderarmeen befreien Moskau“. Die Satire wurde in die Volksrepublik Polen geschmuggelt, übersetzt und kursierte dort im Untergrund, während der Geheimdienst vergeblich nach dem Autor German Liebe fahndete.

Wer aber war, wer ist dieser Mensch tatsächlich?

Ich muß etwas weiter ausholen. Beiträge von mir waren seit den sechziger Jahren in der ZEIT gedruckt worden, Beiträge zu Kafka, zu Heinrich Mann, zu Theodorakis, auch Lyrik und auch ein Aufsatz über den DDR-Schriftstellerverband, der prompt zu meinem Rausschmiß und in der Folge zu meiner Ausbürgerung führte. Ich lebte seither in Hamburg. Als der Redakteur des Reiseteils in der Redaktionskonferenz der ZEIT einen Artikel von mir vorschlug, stöhnte mein alter Freund Fritz J. Raddatz: „Ach, der!“

Was man denn im Feuilleton gegen mich habe, fragte mich die Reiseredaktion. Tatsächlich kamen von nun an alle meine Manuskripte zurück, was mich ärgerte. Unter „Joachim Seyppel“ lief einfach nichts mehr. Also beschloß ich, es einmal anders zu versuchen. Und so ward German Liebe geboren.

In einem Philateliegeschäft besorgte ich mir alte, abgestempelte polnische Briefmarken. Klebte sie auf das Kuvert mit Liebes Manuskript aus Krakau. Ging ins Pressehaus, erklärte den Empfangsdamen der ZEIT, die Post habe versehentlich die Sendung „unten bei uns“ zugestellt, die Damen bedankten sich für meine liebenswürdigen Überbringerdienste, ich bedankte mich meinerseits für die reibungslose Übernahme, und so wanderte das Manuskript in die Chefredaktion.