ZEIT: In den letzten Jahren wurde Greenpeace erstmals von den Medien stark kritisiert. Was hat Ihre Organisation daraus gelernt?

Bode: Greenpeace war ein Aktionistenverband, der gegen klar erkenntliche Umweltsünder und Verschmutzungen ankämpfte. Damit waren wir die Helden. Doch es wird immer schwieriger, mit unseren Aktionen die Vorstellungskraft des Publikums zu wecken. Wenn wir etwa mit einem Lastwagen das Tor einer FCKW Fabrik blockierten, so blieb dies sehr abstrakt. Der Funke sprang kaum über. Ziel unserer Kampagnen ist es, öffentliche Konflikte zu schüren und zu gestalten. Dieses Prinzip haben wir nun erweitert. Wir wollen künftig auch durch technologische Konfrontation Märkte verändern.

ZEIT: Woran denken Sie beispielsweise?

Bode: Etwa an die Propagierung von chlor- und kahlschlagfreiem Papier oder an Kühlschränke ohne FCKW und FKW. Außerdem haben wir aus jener Kritik gelernt, daß wir uns nicht nur auf Aktionen beschränken können. Um Ziele wie nachhaltige Entwicklung und ökologisches Wirtschaften zu erreichen, müssen sich auch ökonomische Rahmenbedingungen verändern. Ich denke hierbei etwa an die ökologische Steuerreform, deren Realisierbarkeit wir vergangene Woche in der DIW Studie publik gemacht haben. Unser Themenspektrum ist damit größer geworden, ohne daß sich unser Markenzeichen, David gegen Goliath, verwischt hätte. Die Menschen müssen das Gefühl haben, da setzen sich pfiffige Leute ein gegen mächtigere Gruppen - und wenn wir die unterstützen, haben wir auch Erfolg. Bei Schlauchbootaktionen fliegen uns die Sympathien zu. Mit einem Kühlschrank hingegen sind keine Emotionen verbunden. Das erfordert eine viel kömptiziertere Öffentlichkeitsarbeit. Beim Kühlschrank ist uns dies recht gut gelungen, beim chlorfreien Papier hingegen weiß kaum jemand mehr, daß wir an seiner Ächtung mitgewirkt haben.

ZEIT: Die Forstbehörde der kanadischen Provinz British Columbia wirft Ihnen vor, Unwahrheiten zu verbreiten. Sie sagen selbst, Greenpeace suche Emotionen zu wecken. Droht hier die Gefahr der Übertreibung? Kahlschlag muß ja nicht schädlich sein.

Bode: Es geht um naturnahe Waldnutzung, die Artenvielfalt nicht gefährdet. Die Wirkung des Kahlschlages hängt in der Tat vom Gelände, vom Klima oder von der Fläche ab. In British Columbia sind die Kahlschlagflächen mehrere hundert Hektar groß und liegen auf Hängen mit starker Neigung, daß man dies sicher als schädlich bezeichnen kann. An den kahlgeschlagenen steilen Hängen in British Columbia wächst nichts mehr nach. Das Erdreich schwemmt weg. In flacheren Gebieten, zugegeben, kann dies anders sein. . Die letzten temperierten Regenwälder in British Columbia sind mehrere tausend Jahre alt und beherbergen eine enorme Artenvielfalt. Wir sind nicht strikt gegen jede Nutzung, aber sie muß deutlich vorsichtiger geschehen als bisher, mit weniger Risiken für die Artenvielfalt.

ZEIT: Heißt das, die Kanadier billigen die Vernichtung von Arten? Halten Sie es für legitim, daß wir Deutsche versuchen, andere zu belehren? Bode: Zwei Drittel der Kanadier sind gegen den Kahlschlag. Das ist kein importierter Widerstand. Anders sieht es in British Columbia aus, dort ist es der wichtigste Wirtschaftszweig. Dahinter stecken brutale ökonomische Interessen. Kanada gehört zu den sieben reichen Industrienationen. Bei ärmeren Ländern wie Brasilien oder Malaysia fände ich es hingegen problematischer, ihnen vorzuschreiben, wie sie ihren Wald nutzen sollen, zumal wir hier in Deutschland selbst noch vieles zu verbessern haben.