Landauf, landab rief in den vergangenen Wochen der Bund Freier Bürger des einstigen Eurobeamten Manfred Brunner mit dem markigen Spruch zur Volksabstimmung gegen Maastricht auf: "Wenn wir kommen, bleibt die Mark." Aber entweder haben die Bundesbürger nichts gegen Maastricht, oder sie bangen nicht um die Mark; jedenfalls gingen die selbsternannten Hüter der deutschen Währung bei der Europawahl vom Sonntag .sang- und klanglos unter. Aber bleibt uns die Mark nun erhalten oder nicht?

Die Frage wäre an sich nicht sonderlich aktuell, hätte sie nicht der Bundeskanzler wieder in die Diskussion gebracht und hätte nicht sein Wirtschaftsminister schnell nachgezogen. Helmut Kohl belehrte die Bundesbürger, man solle die Dinge besser nicht überstürzen und sich lieber ein bißchen Zeit lassen mit der einheitlichen europäischen Währung. Bis 1997, so der Kanzler, werde es wohl nichts. Und Günter Rexrodt verschob einen möglichen Start gar ins nächste Jahrhundert. Heißt das: auf den Sankt-Nimmerleins-Tag?

Was nach einer Abkehr von der Europawährung aussieht, ist nichts anderes als ein Zurechtrücken der Perspektive. Der Vertrag von Maastricht, in dem die Konditionen für die einheitliche europäische Währung festgeschrieben sind, sieht Januar 1997 als den frühesten und Januar 1999 als den spätesten Zeitpunkt für den Start vor. Spätestens in viereinhalb Jahren soll Europa also sein einheitliches Geld haben. Die Staats- und Regierungschefs der Zwölf vereinbarten in Maastricht gar, daß dies automatisch geschehen soll – wer startbereit ist, hat mitzumachen.

Bereit sein heißt die Konvergenzkriterien erfüllen. Nur wer bei Inflation, Wechselkursen, Staatshaushalt und öffentlicher Verschuldung gute Ergebnisse vorweisen kann, darf sich beteiligen. Diese Kriterien sind so streng definiert, daß zur Zeit allenfalls Luxemburg qualifiziert wäre – und bis 1997 wird sich daran nicht viel ändern. Nicht einmal die Bundesrepublik kann heute mit Sicherheit sagen, daß sie dann soweit ist. Also sollte man sich nicht lange in gewundenen Erklärungen ergehen, sondern das Datum schnell vergessen.

Mit 1999 ist das ein bißchen komplizierter. Einmal wegen des Automatismus, den gerade der Bundeskanzler immer wieder als Errungenschaft gepriesen hat. Dann auch, weil die längere Perspektive Währungsschwächlinge zu gefährlichen Hoffnungen verleitet. Sie spekulieren darauf, daß im Laufe der Zeit die Politiker über die Ökonomen siegen und die strengen Bedingungen mildern. Schließlich soll auch in Europa zusammenwachsen, was zusammengehört, das geht nicht ohne Konzessionen.

Den Automatismus darf man getrost vergessen. Er ist schon deshalb realitätsfremd, weil sich der Bundestag ausbedungen hat, vor der Endstufe der Währungsunion noch einmal über das Aufgehen der Mark in einer europäischen Währung abzustimmen. Bedenklicher ist die gezielte Wühlarbeit, die einige Länder unternehmen, um die Konditionen politisch zu interpretieren: Wer auf dem richtigen Weg ist, soll in der Währungsunion willkommen sein, der gute Wille gelte gewissermaßen für das Werk. Man kann doch nicht so überzeugte Europäer wie Italiener, Belgier oder Spanier einfach am Weg stehenlassen...

Das kann man wohl, wenn man eine solide Währung begründen will, die (das verlangt das deutsche Verfassungsgericht) mindestens so stabil sein muß wie die Mark. Mißlich wäre es schon, aber immer noch besser als ein Fehlstart mit gravierenden Folgen. Und da hat Wirtschaftsminister Rexrodt völlig recht, wenn er argumentiert, es komme weniger auf ein in Maastricht fixiertes Datum an als auf die Konvergenzkriterien, die im gleichen Vertrag stehen.

Die einheitliche europäische Währung ist nach wie vor ein lohnendes Ziel, auch wenn es in absehbarer Zeit für manche unerreichbar bleiben muß. Europa und seine Wirtschaft brauchen diese neue Dimension. Ob der Weg dorthin nun ein paar Jahre mehr oder weniger dauert, ist von zweitrangiger Bedeutung. Klaus-Peter Schmid