Von Joachim Fritz-Vannahme

Die Dame aus London weilte zum ersten Mal in Syrien. In Europa zog der Zweite Weltkrieg herauf, doch am Oberlauf des Zweistromlandes herrschte noch tiefe Ruhe. "Diese Herbsttage sind von einer nie erlebten Vollkommenheit", notierte begeistert die Frau des Archäologen Max Mallowan: "Kurz nach Sonnenaufgang stehen wir auf, stärken uns mit heißem Tee und Eiern und machen uns auf den Weg. Überall erheben sich Hügel, ich komme beim Zählen auf ungefähr sechzig – sechzig alte Siedlungen heißt das. Heute ziehen nur Nomaden mit ihren braunen Zelten vorüber, aber früher, vor gut 5000 Jahren, herrschte hier ein reges Leben. Hier begann Kultur, und hier hebe ich die Scherbe eines von Hand geformten Tongefäßes auf mit einem Muster aus Punkten und schwarzer Kreuz-Schraffur – die Urform jener Woolworthtasse, aus der ich heute morgen Tee getrunken habe."

Ob den Archäologen aus vier europäischen Nationen heute ähnlich amüsante, kulturgeschichtliche Vergleiche in den Sinn kommen wie damals Agatha Christie in ihren "Erinnerungen an glückliche Tage"? Glücklich jedenfalls fühlen sich auch die Ausgräber unserer Tage im Quellgebiet des Habur im Nordosten von Syrien. Denn sie legten in den vergangenen zwei Jahren in Teil Beidar nahe der modernen Stadt Hassake in Hitze und Staub unter solchen Hügeln erst einen Palast, dann ein weiteres offizielles Gebäude, wohl ein Tempel, und schließlich ein Tontafelarchiv frei. "Kaum ein Dutzend Schrifttafeln aus dem 3. Jahrtausend v.Chr. waren in fast hundert Jahren Grabungsgeschichte in Obermesopotamien bekannt geworden", erklärt der Münsteraner Archäologe Joachim Bretschneider, der in wenigen Tagen zur dritten Kampagne zum Kranzhügel von Teil Beidar aufbrechen wird: An diesem Ort hingegen wurden mit einem Schlag rund hundert Keilschrifttafeln aus Ton entdeckt, vierzig von ihnen fast unbeschädigt. Die Presse, von der New York Times über den Londoner Independent bis zur Pariser Libération, läßt sich von der Begeisterung der Fachleute anstecken und ruft "Sensation".

Lange erschien diese Gegend der vorderasiatischen Archäologie als zweitrangig, gemessen an den Hochkulturen von Babylon oder der sumerischen Städte wie Uruk oder Ur im Süden Mesopotamiens. Diese legendären Städte bestimmten bisher das landläufige Bild vom 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Doch inzwischen gelten die Stadtstaaten des Nordens, Mari am Euphrat, Ebla weiter im Westen und die unbekannte Vorläuferin von Teil Beidar, als mögliche Brücke zwischen Mesopotamien und Mittelmeer. "Erste Untersuchungen der Tontafeln lassen ihre sumerisch-ackanische Schrifttradition erkennen. Sie stehen zum einen in Verbindung mit dem berühmten Tontafelarchiv aus Teil Mardich, dem antiken Ebla; zum anderen scheinen sie sich in die Schrifttradition Mesopotamiens und der frühdynastischen Tafeln aus Abu Salabih und Kisch einzufügen", erläutert Joachim Bretschneider.

Belgische und deutsche Keilschriftexperten kommen nach erster Lektüre zum Ergebnis, daß es auf den Tafeln von Teil Beidar oft um ganz banale Dinge wie Schaf- und Schweinehandel ging, daß da Lieferungen und Quittungen mit Schilfrohr in Lehm geritzt wurden, wobei das Palastarchiv von einem blühenden Fernhandel Kunde gibt. Alltagskorrespondenz also, die vor 4500 Jahren auf eine Art "archiviert" wurde, die jeden Archäologen heute jubeln läßt: Viele dieser Tafeln dienten nach ihrem Gebrauch zur Fundamentierung von Wohnhäusern und wurden dadurch bestens konserviert.

"Das alles ist gewiß der spektakulärste Fund in Syrien in diesem Augenblick", begeistert sich Marc Lebeau von der Universität Leuwen. Er koordiniert die Teams aus Belgien, Frankreich, Spanien und Deutschland bei den Ausgrabungen von Teil Beidar. "Hier wurde um 2900 oder 2800 vor Christi Geburt eine Stadt gegründet, mit kreisrundem Grundriß, wie das damals in dieser Region üblich war", erläutert er die ersten Datierungen, nachdem die Ausgrabungen die obersten Bereiche der Stadt freilegten. Darunter liegen Anlagen, die bis zum Beginn des 3. Jahrtausends zurückreichen können. "Also haben wir es hier mit einer gezielten und befohlenen Gründung zu tun, mit einem Akt der Macht." Fünf Jahrhunderte lang ging es dieser (noch namenlosen) Stadt gut, blühte der Handel zwischen den Meeren und den Strömen: Dann wurde sie zerstört. Doch woher kam diese neue Macht, solche Stadt gründete?

Stadt und Schrift gaben jener Welt ihr Gepräge. Anfangs hielten die Keilschrifttafeln die Prosa der Geschäfte fest. Doch bald ist von Krieg die Rede, von der Verwaltung der Macht auch. Am Ende der Epoche steht die Poesie des Gilgamesch-Epos. Dazwischen gibt es noch viele Fragen zu beantworten, viele Rätsel zu lösen. Für Ebla, mit der die Vorläuferin von Teil Beidar so vieles zu verbinden scheint, errechnete der italienische Forscher Paolo Fargi, daß für den Palast 4000 Menschen arbeiteten. Ihre Familien einmal mitgerechnet, hingen also rund 20 000 Einwohner von einer Macht ab, über die man noch wenig weiß. Lebte also hinter den kreisrunden Stadtmauern nur ein Volk von Beamten und Hofschranzen, denen der Habur, der Euphrat und andere Flüsse die Frucht der umliegenden Felder zuführten, die Rohstoffgebiete Anatoliens erschlossen und eine strategische Position zwischen Mittelmeer und südlichem Mesopotamien ermöglichten?