Von Walter Jens

Was macht den Reiz der Fernsehsendungen an Wahlabenden aus? Daß so viel schiefgeht. Die Pannen häufen sich, und die Versprecher der Moderatorin häufen sich auch; Gäste werden angekündigt, kommen aber nicht, so daß der verdutzte Redakteur einsam und verlegen vor den Mikrophonen sitzt: "Ich bitte um Entschuldigung, Frau X ist noch nicht da."

Eine Mordsgaudi, das Ganze! Die neuen Computer-Bilder kommen fast so spät wie die Gäste, und dann sind’s auch noch die falschen: "Erst die großen Parteien, Herrschaften, und dann erst die kleinen!" Der Betrachter am Bildschirm, an perfekte Langeweile und öde Exaktheit gewöhnt, atmet auf und wird mit jeder Panne heiterer: Weiter so, Leute! Die Stimmung steigt unaufhaltsam, und wenn Ulrich Wickert, das ist der intelligente und sympathische Herr, den die Kollegen so gern Uli nennen, weil das anzeigt: wir sind gute Freunde, der Uli und ich... wenn also Wickert den Kanzler selbst ankündigt, Helmut himself könnte man ihn nennen, wobei das himself auf strikt einzuhaltenden Abstand, das Helmut hingegen auf einen jovialen Pfälzer verweist, der sich, er hatte schließlich Grund dazu, am Wahlabend einmal wieder so richtig als pfälzische Frohnatur vorstellen durfte, dann war alles im Lot. Der Kanzler wirkte fast so überzeugend wie die Marionettenfigur, die der gleichfalls in eine naturgetreue Puppe verwandelte Ernst-Dieter Lueg befragte, in einem imaginären Gespräch, das die realen Partner hernach wie Parodien ihrer selbst erscheinen ließ. Aber sie gaben sich Mühe, den Abbildern zumindest annäherungsweise gleichzukommen. Der Kanzler tat es mit Pathos, der Kommentator mit Selbstironie. (Der menschlichsten Eigenschaft, die es gibt, sagte Fontane, und da hat er wohl recht.)

Ja, und dann waren da noch zwei andere interessante Personen, am 12. Juni, die Herren Joschka Fischer und Gregor Gysi, die den Wahlabend mit Witz, Ironie und einer Prise Sarkasmus in ungeahnte Höhen erhoben. (Fischer: "Kohl drückte den Kinkel aus dem Parlament, das hat der nun davon." Gysi: "Die Bundesrepublik hat mit der Wiedervereinigung auch uns bekommen.")

Damit freilich hatte sich’s auch schon. Der Auftritt der anderen Damen und Herren, der zweiten und dritten Sieger zumal, nahm sich eher beklagenswert aus. "Es ist uns leider nicht gelungen zu vermitteln, daß ..." tönte es auf allen Kanälen, bei den Öffentlich-Rechtlichen so gut wie bei den Privaten, so daß ich vorschlagen möchte, die Floskel zu konservieren und an künftigen Wahlabenden abspulen zu lassen. "Und nun Ihr Satz, Herr Scharping. Ton ab." Folgen die Worte "Reform", "Arbeitnehmerschaft" und, natürlich, "... leider nicht gelungen, unsere Stammwähler zu mobilisieren, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" (Ordnung muß sein, nur der Kanzler durfte es sich, wenn ich recht gehört habe, erlauben, einfach von Bürgern zu sprechen, und das klang gar nicht so schlecht).

Ein Abend des Vermittelns also war’s – vermitteln im Sinn von "über die Rampe bringen" und nicht in der Bedeutung von "versöhnen" und "verschaffen". Natürlich werden Makler und Friedensstifter, Wirtinnen und Unterhändler das Wort auch weiterhin benutzen; vermitteln im Sinn von "an den Mann (oder die Frau) bringen" aber wird von nun an den Verlierern in der Politik vorbehalten bleiben, ihnen ganz allein.

Der Sieger, wer wüßte das nicht, erklärt bekanntlich nur: "Die Menschen draußen im Land haben unsere Politik eindrucksvoll bestätigt", kein Triumphator würde sagen: "Es ist uns gelungen zu vermitteln, daß..." Erst wenn es nicht dazu kommt, wird ein Schuh daraus, der Pantoffel für die Verlierer. (Klaus Kinkel allen voran.)