Die positive Meldung zuerst: Auch nach dem 1. Juli 1994 - dem Tag des Inkrafttretens des Europäischen Binnenmarktes für Versicherungsgesellschaften - braucht sich kein Opfer eines Autounfalles um die Schadenersatzleistung zu sorgen.

Zwar dürfen dann auch griechische, portugiesische oder dänische Versicherungsgesellschaften den deutschen Kunden umwerben, ihre Autopolicen müssen jedoch denselben Schutz bieten wie hierzulande angebotene Pflichtversicherungsverträge. Und auch künftig gilt: ohne Assekuranzbescheinigung keine Zulassung.

Dennoch wird sich - wenn auch nicht von heute auf morgen - einiges ändern. So bezahlt ein niederländischer Fahranfänger heute nur etwa die Hälfte der Prämie seines deutschen Kollegen, in Griechenland Wird der Versicherungsschutz bereits zu einem Fünftel des deutschen Beitrags angeboten. Nur eine Frage der Zeit dürfte es mithin sein, bis sich ausländische Gesellschaften mit ihren Billigtarifen auch um deutsche Kunden kümmern werden.

Einen Grund zur Panik sehen die hiesigen Versicherer freilich nicht: Die Markteinführung kostet Geld, viel mehr Geld, als mancher Nischenversicherer in seinen Töpfen für die Werbung und den Aufbau eines Vertriebs gebunkert hat. Zudem dürfte sich manch deutscher Kunde schwertun, seinen Vertrag in einem anderssprachigen Land mit - immer noch - anderen Rechtsauffassungen abzuschließen: Die Beitragszahlung sollte zwar kein Problem darstellen, spätestens beim ersten Schaden drohen jedoch Verständigungsschwierigkeiten. Und nicht zuletzt liegen auch die durchschnittlichen Kosten je Schadensfall in Deutschland rund fünfmal höher als im "Billigstaat" Griechenland, so daß sich mancher Anbieter mit Discounttarifen eine blutige Nase holen dürfte. Konkurrenz belebt jedoch das Geschäft, und so zeichnen sich jetzt bereits Veränderungen in der Tarifstruktur ab: Die bisherige Regelung, nach der lediglich Zulassungsort, Fahrzeugstärke und Schadenfreiheitsrabatt maßgeblich für die Festlegung des Beitrags sind, dürfte durch ein breit diversifiziertes System individueller Angebote abgelöst werden. Die Palette denkbarer Möglichkeiten ist breitgefächert und reicht von - preiswerten Spezialtarifen für junge Leute, die gleichzeitig für eine Kapital Lebensversicherung gewonnen werden sollen, bis hin zu - teuren - Pauschaltarifen für ältere Mitbürger, denen die Assekuranz trotz Schadenfreiheitsrabatt keine überdurchschnittlich guten Fahrqualitäten mehr zugesteht.

Auch Tarifdifferenzierungen nach Geschlecht sind kein Tabuthema mehr, wenn auch bisherige Versuche - etwa das "Ladies firsf Angebot der Schweiz Direkt Versicherung - zumindest auf der Beitragsseite kaum überzeugen konnten. Zunehmend differenzieren wollen einige Versicherer die Höhe der Beiträge auch nach dem Gesundheitszustand: Raucher sollen höhere Beiträge bezahlen als Nichtraucher, und Abstinenzler sollen sich billiger versichern können als chronische Alkoholiker - selbst wenn diese nach dem ersten Glas Bier den Fahrzeugschlüssel beiseite legen. Nicht weit ist es freilich bis hin zu "Krankentarifen", nach denen sich beispielsweise Zuckerkranke oder Aids Infizierte nur noch zu - unsozial hohen Sondertarifen versichern können. Sinnvoller erscheinen hier schon Tarife, die von der Fahrleistung abhängig sein sollen. Grundregel: Wer viel fährt, zahlt auch höhere Beiträge.

Während derartige Spezialtarife - dies zeigte sich bereits nach dem Ende der Einheitspolicen im Jahr 1962 - den Markt lediglich in viele neue Segmente spalten und dem Kunden allenfalls den Überblick erschweren, dürften die ebenfalls geplanten, individuellen Vertragsgestaltungen dem Autofahrer auch manche Vorteile bringen. Zu nennen ist hier etwa die individuelle Festlegung der Selbstbeteiligung, die - das beweist heute bereits die Kölner Nordstern Versicherung - durchaus nicht bei 300 Mark festgeschrieben sein muß. Aber auch sogenannte Additiv Tarife - bei denen der Versicherungskunde die Bausteine seines Vertrages selbst zusammenstellen kann, dürften sich hoher Beliebtheit erfreuen.

Allzuschnell ins Kraut schießen werden die Neuschöpfungen andererseits jedoch nicht: Tatsache ist zwar, daß die Kfz Versicherung für den Anbieter ein beliebter Einstieg in eine Kundenbeziehung ist und bei Vertragsabschluß oder später oft auch andere Policen - insbesondere die immer noch hochprovisionierte Kapital Lebensversicherung - abgeschlossen werden. Tatsache ist aber auch, daß die meisten deutschen Versicherer im Kfz Bereich tiefrote Zahlen schreiben. Die zahlreichen Neuregelungen der jüngsten Vergangenheit zielten denn auch darauf ab, die Schadensbelastungen, insbesondere den hohen Aufwand für Kfz Diebstähle, zu reduzieren. So sollen Neuwagen künftig nur noch mit dem Zeitwert und nicht mehr mit dem Neuwert ersetzt werden.